Strauss, Richard

Eine Alpensinfonie op. 64 / Rosenkavalier-Suite

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 86074
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 88

Die Alpensin­fonie als Pflicht­pro­gramm und Stan­dard­reper­toire – da würde sich Richard Strauss ver­wun­dert die Augen reiben. Denn kaum ein Werk ste­ht so sehr für die spätro­man­tis­che Über­steigerung und klan­gliche Aus­d­if­feren­zierung des Orch­esters wie eben diese her­rliche phil­har­monis­che Bergbestei­gung, die der Klet­ter-Crew wirk­lich alles abver­langt. Allein: Der enorme Aufwand des Werks scheint heute ein­fach kein Prob­lem mehr zu sein, das jeden­falls darf man aus der erkleck­lichen Präsenz der Alpensin­fonie in den Spielplä­nen schließen. Dazu sind derzeit rund 70 Auf­nah­men ver­füg­bar, und fast monatlich wer­den es mehr.
Nehmen wir ein paar aktuelle Beispiele aus Ost­deutsch­land: Vor einiger Zeit legte die Phil­har­monie Altenburg-Gera eine Ein­spielung vor, kür­zlich die Weimar­er Staatskapelle und nun unter Leitung ihres Chefdiri­gen­ten Rafael Früh­beck de Bur­gos die Dres­d­ner Phil­har­monie, die sich „zu den führen­den Orch­estern Deutsch­lands“ zählt – ein Eigen­lob, das wenig aus­sagekräftig und daher unnötig ist. Denn die Dres­d­ner spie­len gut genug, um ihre über­re­gionale Bedeu­tung auch ohne Worte unter Beweis zu stellen. Das jeden­falls legt diese CD nahe, die nicht nur tech­nisch gut gelun­gen, son­dern auch inter­pre­ta­torisch inter­es­sant ist.
Rafael Früh­beck de Bur­gos wider­ste­ht näm­lich der Ver­suchung, die Strauss’schen Klang­far­ben noch betören­der oder geheimnisvoll schillern­der zu malen, als sie ohne­hin sind. Er macht deut­lich, dass die Alpensin­fonie nicht nur ein Vorzeigestück der Pro­gram­m­musik ist, son­dern auch als absolute Musik volle Gel­tung beanspruchen darf. Früh­beck de Bur­gos set­zt mehr auf for­male Klarheit als auf Effek­te, er lässt die Dres­d­ner Phil­har­monie (her­rlich: die Stre­ich­er!) in sat­tem Klang auf­spie­len, betont die the­ma­tis­che Arbeit, bal­anciert die Stim­men mustergültig aus, verzichtet auf über­flüs­sige Ritar­dan­di – und lüftet damit ein wenig das Mys­teri­um der Alpensin­fonie. Das tut gut, denn dunkel dräuende, pathetis­che Lesarten gibt es – siehe Kara­jan – in Hülle und Fülle.
Nur vor diesem Hin­ter­grund ver­ste­ht man, wie Strauss zu den an sich ver­wirren­den Aus­sagen kam, die Alpensin­fonie sei „straff bis zur Knap­pheit“, frei von „jed­er Über­flüs­sigkeit“, sei „streng­ste Gestal­tung des Wesentlichen“. Die gle­ichen Eigen­schaften kitzelt Früh­beck de Bur­gos auch aus der Rosenkava­lier-Suite her­aus, die dazu mit for­mi­da­blem Walz­ergeist verse­hen ist.
Das Pro­grammheft ver­schweigt wohl nicht rein zufäl­lig, wo und von wem die Alpensin­fonie uraufge­führt wurde, näm­lich in Dres­den – allerd­ings von der Staatskapelle, dem anderen großen und noch berühmteren Orch­ester der Stadt. Mit dieser Strauss-Auf­nahme kön­nen sich die Phil­har­moniker jedoch ohne Bedenken der inner­städtis­chen Konkur­renz stellen.
Johannes Killyen