Aribert Reimann
Ein Traumspiel/Denn Bleiben ist nirgends
Hofer Symphoniker, Chor und Solisten, Ltg. Walter E. Gugerbauer, Martin Engler (Sprecher), Deutsches Symphonie-Orchester, Ltg. Manuel Nawri
Der Wert dieser Doppel-CD ist dokumentarischer wie kulturpolitischer Natur: Beide Werke von Aribert Reimann liegen hier als Ersteinspielungen vor. Dass ein solch anspruchsvolles Projekt abseits der großen Musikmetropolen realisiert wurde, unterstreicht die bleibende Existenzberechtigung kleinerer Theater in der deutschen Kulturlandschaft.
Im Zentrum steht die Oper Ein Traumspiel (1965), basierend auf dem gleichnamigen Schauspiel von August Strindberg in der Übersetzung von Peter Weiss, das von Carla Henius als Libretto eingerichtet wurde. Das knapp zweistündige Werk widmet sich einer existenziellen Fragestellung: Die Tochter des Gottes Indra wird von ihrem Vater auf die Erde gesandt, um zu untersuchen, ob die ständigen Klagen der Menschen über die Sinnlosigkeit ihrer Existenz berechtigt sind. Ihre Beobachtungen führen zu der ernüchternden Erkenntnis, dass sich alles menschliche Trachten letztlich im Nichts verliert.
Die musikalische Umsetzung der komplexen Partitur ist überzeugend gelungen. Besonders hervorzuheben ist die feine Abmischung der spezifischen Raumwirkungen, wie sie etwa im Falle des aus der Ferne agierenden Chores gefordert sind und auf dieser Aufnahme plastisch transportiert werden. Das Ensemble präsentiert sich als homogene Besetzung, die sowohl in den gesanglichen Passagen als auch in den deklamatorischen Abschnitten ein präzises Profil von teils beklemmender emotionaler Tiefe erschafft. Unter der souveränen Leitung von Walter E. Gugerbauer agieren die Hofer Symphoniker wohl ausbalanciert, transparent und mit Hingabe, was der vielschichtigen Struktur von Reimanns komplexer Tonsprache spürbar entgegenkommt.
Ergänzt wird das Album durch die 20-minütige Komposition Denn Bleiben ist nirgends (1968), eine Auseinandersetzung mit der Ersten Duineser Elegie Rainer Maria Rilkes. Der Dirigent Manuel Nawri erzielt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester eine eindringliche Schichtung der Reimann’schen Klangflächen, die eine beachtliche Sogwirkung entfaltet. Der Vortrag des Sprechers Martin Engler kann mit dieser suggestiven Kraft nicht mithalten. Seiner Rezitation mangelt es streckenweise an stimmlichen Nuancen, um die dichten Verse Rilkes in ihrer ganzen Tragweite zu vermitteln.
Die editorische Ausstattung wird den Ansprüchen an eine solche Veröffentlichung vollauf gerecht. Der ausführliche Begleittext von Sebastian Hanusa ist ebenso informativ wie gut lesbar und liefert den notwendigen analytischen Kontext. Sämtliche Texte sind zudem auch auf Englisch abgedruckt. Insgesamt liegt hier eine wichtige und handwerklich fundierte Aufnahme vor, die einen zentralen Beitrag zur Rezeption des Schaffens von Aribert Reimann leistet.
Christian Dammann


