Brahms, Johannes

Ein deutsches Requiem op. 45

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Virgin Classics 50999 6286100 7
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 70

Die lange Vorgeschichte von Brahms’ Deutschem Requiem – vom Sara­ban­den-Scher­zo ein­er entste­hungs­geschichtlich mit dem d‑Moll-Klavierkonz­ert ver­bun­de­nen zweiklavieri­gen Sonate bis zum „Denn alles Fleisch, es ist wie Gras“ des Requiems – ist bekan­nt. Eben­so bekan­nt ist, dass der Kom­pon­ist Ende der 1860er Jahre mit so unter­schiedlichen Werken wie dem repräsen­ta­tiv­en Deutschen Requiem und den Ungarischen Tänzen in der vier­händig-haus­musikalis­chen Klavier­fas­sung bre­ite nationale und inter­na­tionale Beach­tung fand.
Sein (man­gels Oper) umfan­gre­ich­stes Werk hat er später viele Male selb­st dirigiert. Wenn er 1894 die im Druck bis dahin angegebe­nen Metronomzahlen zurück­zog (die für die Außen­sätze rel­a­tiv bewegte Tem­pi gefordert hat­ten), lag das wohl vor allem daran, dass das Werk sich durchge­set­zt und er selb­st bei Auf­führun­gen wech­sel­nde Tem­pi erprobt und für gut befun­den hat­te. Dass sich Diri­gen­ten des 20. Jahrhun­derts in den Eck­sätzen zum Teil bis an die Schmerz­gren­ze musikalisch-kuli­nar­ischen Still­standes bewe­gen wür­den, ahnte er wohl nicht; auf­grund eigen­er Erfahrung meinte er sog­ar, er werde „immer zu schnell gespielt“. Das waren Zeit­en!
Die neue Ein­spielung stellt sich großer Konkur­renz, wobei neben ein­deutig his­torischen und jün­geren „his­torisch informierten“ Ein­spielun­gen Simon Rat­tles 2007 pro­duzierte Auf­nahme mit den Berlin­er Phil­har­monikern genan­nt sei. Järvis Tem­pi wirken keines­falls zäh, sind aber, wie schon Zeitver­gle­iche zeigen, doch langsamer als bei Rat­tle (Nr. 1: 10:37 gegenüber 9:55; Nr. 2: 15:17 gegenüber 14:14, Nr. 7: 12:25 gegenüber 10:30). Gegenüber dem direk­ter gespiel­ten und aufgenomme­nen Berlin­er Orch­esterk­lang wirkt der­jenige des Frank­furter hr-Sin­fonieorch­esters para­dox­er­weise teils facetten­re­ich­er, teils unbes­timmter. Da meint man vor allem in Holzbläs­er- oder Hörn­er­par­tien bes­timmte Details noch nie so gehört zu haben – und ist frap­piert.
Ander­er­seits wirkt der Gesamtk­lang mitunter wie hin­ter Milch­glas, wobei die Dies-Irae-arti­gen For­tis­si­mo-Blöcke von Nr. 2 klan­glich leicht gebremst wirken. Ambiva­lent wirkt es auch (ger­ade weil man Järvis Dirigieren nicht sieht), dass die bei­den eröff­nen­den Chor­tak­te, die mit ihren ganzen Noten nach der Viertel­be­we­gung der Orch­esterein­leitung ohne­hin die Bewe­gung anzuhal­ten scheinen, statt acht gedachter Vier­telschläge schein­bar zehn benöti­gen, ehe es annäh­ernd im Anfang­stem­po weit­erge­ht. Das irri­tiert trotz aller Inten­sität und wirkt eher kuli­nar­isch als struk­turell gedacht. Zu dem etwas milchi­gen Klang, bei dem – etwa gle­ich zu Beginn des Werks – vibra­toarme Stre­ich­er erfreuen und erfrischen, passen die stark vib­ri­eren­den Stim­men der Vokalsolis­ten trotz aller Ein­dringlichkeit wenig. Faz­it: ein ambiva­lentes Requiem.
Michael Struck