Mozart, Wolfgang Amadeus

Early string quartets & Divertimenti K. 136, 137 und 138

Rubrik: CDs
Verlag/Label: harmonia mundi ibérica HMI 987060.62
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 93

Mit Arria­ga-Quar­tet­ten sind sie bekan­nt gewor­den, die Musik­er des spanis­chen Cuar­te­to Casals. Jet­zt haben sie sich ein­er anderen Reper­toire-Rar­ität gewid­met: Den frühen Stre­ichquar­tet­ten und Diver­ti­men­ti Wolf­gang Amadeus Mozarts. Es gelingt ihnen ein echter Coup: Das meist nur als Ausreißer-Œuvre gewürdigte Früh­w­erk des Salzburg­ers in chro­nol­o­gis­ch­er Abfolge ist eine Ent­deck­ung. Ken­nt man doch im All­ge­meinen nur eine Hand voll Stücke aus der Zeit des Her­anwach­senden – die Diver­ti­men­ti KV 136–138 z.B., die eigentlich nicht zu den Stre­ichquar­tet­ten zu rech­nen sind, aber gerne in diesem Kon­text gespielt wer­den; so auch hier.
Im Konz­er­tall­t­ag bilden die frühen Quar­tette eine exo­tis­che Ran­dex­is­tenz. Dabei eröffnet schon das erste Werk dieser Gat­tung aus Mozarts Fed­er (KV 80, von 1770) mit einem herzöff­nend schö­nen, melan­cholisch-süßen und aus­greifend­en Ada­gio, das sofort den hohen Anspruch des 14-Jähri­gen demon­stri­ert, einen wahren Kos­mos: Mozart war um diese Zeit – wie die Köchel-Num­mer ahnen lässt – längst kein „Anfänger“ mehr und hat­te Sin­fonien, Konz­erte, Opern und Kirchen­musik kom­poniert, bevor er sich der Quar­tet­tkom­po­si­tion wid­mete. Das Cuar­te­to Casals nimmt diese schöpferische Seriosität des her­anwach­senden Knaben ernst und zeigt, dass sich der Salzburg­er mit seinen Stre­ichquar­tet­ten ganz bewusst der speziellen intellek­tuellen Her­aus­forderung der Gat­tung stellte.
Mozart startet allerd­ings erst mit der 1772/73 in Ital­ien ent­stande­nen Quar­tettserie KV 155–160 richtig durch. Lange stand seine frühe Entwick­lungsphase im Schat­ten wenig überzeu­gen­der Arbeit­en, die sich Mitte der 1960er Jahre als untergeschobene Werkchen etwa des Dres­d­ners Joseph Schus­ter (KV Anh. 210 ff) ent­pup­pten: Noch 1988 hat das Mozar­teum Quar­tett Salzburg diese musikalisch dün­nen, so genan­nten „Mailän­der Quar­tette“ als frühe Mozart-Werke einge­spielt! Im Licht der „gesäu­berten“ Werk­liste schaut der kom­pos­i­torische Fortschritt ganz anders aus, und diese musikalisch pack­enden Inter­pre­ta­tio­nen der nun zweifel­los echt­en Mozart-Schöp­fun­gen durch das kata­lanis­che Ensem­ble zeigt Mozart sofort als reifen Kom­pon­ist in jun­gen Jahren mit ein­er ger­adezu unfass­baren Fan­tasie und satztech­nis­chen Meis­ter­schaft.
Dies wird umso deut­lich­er, wenn man die u.a. von Lud­wig Fin­sch­er ent­larvten und lange im Mozart-Kat­a­log spuk­enden Fremd­w­erke jen­er Phase mal wieder zum Ver­gle­ich her­anzieht: Ein Satz wie das fast noch barocke c‑Moll-Andante aus dem Es-Dur-Werk KV 171 (Wien, 1773) zeigt dann die Größe des Genies überdeut­lich und stößt ein Tor auf in eine völ­lig andere Welt. Das Cuar­te­to Casals, benan­nt nach dem großen kata­lanis­chen Cel­lis­ten, weiß das auf ent­waffnende Weise zu demon­stri­eren. Hört und staunt, scheinen diese Musik­er zu rufen, und man staunt nicht zulet­zt über ihre eigene instru­men­tale und musikalis­che Kom­pe­tenz.
Das spanis­che Ensem­ble wurde 1997 an der Hochschule Reina Sofia Madrid gegrün­det und erfuhr sei­ther mehrere inter­na­tionale Ausze­ich­nun­gen (Menuhin Preis Lon­don 2000, Brahms Preis Ham­burg 2002, Kri­tik­er­preis Kat­alonien). Geprägt durch die Arbeit mit dem Alban Berg Quar­tett, wurde das Cuar­te­to Casals offen­bar auch durch die His­torische Auf­führung­sprax­is inspiri­ert und weiß, was „Artiku­la­tion“ besagt und bewirken kann. Mozarts kun­stvolle Neben­stim­men-Poly­fonie etwa wird dadurch zum lebendig atmenden Klangkör­p­er. Das Ensem­ble spielt mit wenig Vibra­to, fein abgestufter Dynamik und mit Verve, wobei das aufeinan­der Hören und Reagieren vor­bildlich sind. Eine Ref­eren­za­uf­nahme dieser frühen kam­mer­musikalis­chen Kost­barkeit­en.
Matthias Roth