Dvorák, Antonín

Dvorák Chamber Music

Piano Trios / Piano Quartets / Piano Quintets / String Quintets / Music for violin & piano / Bläserserenade / Hausmusik

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Brilliant Classics 92181, 8 CDs
erschienen in: das Orchester 09/2004 , Seite 88

In erstaunlich kurz­er Zeit hat das nieder­ländis­che Label Bril­liant einen umfan­gre­ichen Klas­sik-Kat­a­log auf­bauen kön­nen, der bere­its zum Inbe­griff preiswert­er Qual­ität wer­den kon­nte. Möglich gemacht haben dies zum einen viele in Lizenz erfol­gende Wiederveröf­fentlichun­gen gestrich­en­er Auf­nah­men ander­er Labels, zum anderen aber auch Neupro­duk­tio­nen, die trotz des am unter­sten Ende ange­siedel­ten Verkauf­spreis­es dank dur­chaus namhafter Ensem­bles und Solis­ten für eine hohe Güte bür­gen. Erkennbar ist dabei der Anspruch, jew­eils eine bes­timmte musikalis­che Gat­tung des Schaf­fens eines Kom­pon­is­ten kom­plett abdeck­en zu kön­nen. Das kann sog­ar, wie etwa im Falle Bachs, bis zur Her­aus­gabe des Gesamtwerks führen, wobei frühere Auf­nah­men mit eige­nen Neupro­duk­tio­nen gemis­cht wer­den. Es kön­nen aber auch die Zusam­men­stel­lung älter­er Auf­nah­men unter­schiedlich­er Kün­stler sein.
Im Falle von Dvo¡ráks Kam­mer­musik waren erst jüngst in ein­er Zehn-CD-Box dessen Stre­ichquar­tette veröf­fentlicht wor­den. Nun erlaubt eine weit­ere, acht CDs umfassende Veröf­fentlichung die Ergänzung um Klavier­trios, Klavierquar­tette, Klavierquin­tette und Stre­ichquin­tette. Des Weit­eren find­en sich hier die Werke für Vio­line und Klavier, die Bläserser­e­nade und kleinere Kom­po­si­tio­nen, die die Her­aus­ge­ber unter dem Begriff „Haus­musik“ sub­sum­iert haben.
Bei Dvo¡ráks Kam­mer­musik han­delt es sich fast auss­chließlich um von der tschechis­chen Volksmusik befruchtete musikalis­che Einge­bun­gen. Niemals aber ist der Kom­pon­ist so weit gegan­gen wie in seinem Dumky-Trio op. 90, wo er die zyk­lis­che Folge der Sonaten­form zugun­sten ein­er in sechs Sätze gefassten kün­st­lerischen Stil­isierung des slaw­is­chen Tanzsatzes der Dum­ka auf­brach. Das Solomon Trio weiß hier­bei tiefe Melan­cholie und aus­ge­lasse­nen Frohsinn in dif­feren­zierten Abstu­fun­gen in noblem Gle­ichgewicht zu hal­ten. Auch in den Klavier­trios B‑Dur op. 21, g‑Moll op. 26 und f‑Moll op. 65 set­zen die Inter­pre­ten auf eine edle Zeich­nung der musikalis­chen Charak­tere, ohne dabei auf eine strahlkräftige Präg­nanz verzicht­en zu müssen. Ver­spielt, doch ohne jede kecke Überze­ich­nung fall­en die rhyth­mis­chen Muster aus, geschmei­dig rei­hen sich die unter­schiedlichen Gedanken – gekon­nt ist das Spiel mit den unter­schiedlichen Fär­bun­gen des Klangs.
Um einiges beherzter erscheint demge­genüber der Zugriff des Borodin Quar­tetts, das sich zusam­men mit Svjatoslav Richter am Klavier den in der Entste­hungszeit gut 15 Jahre auseinan­der liegen­den Klavierquin­tet­ten A‑Dur op. 5 und A‑Dur op. 81 wid­met. Ener­gisch vor­angetrieben schwingt sich da das ein­lei­t­ende Alle­gro des frühen A‑Dur-Quin­tetts zu emphatis­chen Tönen auf, klang- und aus­drucks­gesät­tigt wird das Andante sostenu­to aus­ge­bre­it­et, rhyth­misch impul­siv aufger­auht zeigt sich das Finale. Im späten A‑Dur-Quin­tett wird, was dessen ein­lei­t­en­des Alle­gro ange­ht, die lied­hafte Ebene krass gegen den auf­fahren­den Charak­ter dieses Satzes abge­gren­zt, doch in allem Kon­trastre­ich­tum fällt stets die aus­ge­feilte Bal­ance des Klaviers zu den Stre­ich­ern auf: Richter gelingt da mitunter eine unnachahm­lich schwebende Klangtö­nung. Auch im schw­er­müti­gen Andante con moto (wiederum eine Dum­ka!) überzeugt seine leuch­t­ende Tonge­bung voller fein­ster Nuancen.
Die Darstel­lung, die das Stamitz Quar­tett den bei­den Stre­ichquin­tet­ten op. 77 und 97 angedei­hen lässt, zeich­net sich dage­gen nicht ger­ade durch eine ansprin­gende, leb­hafte Span­nungs­fülle aus: Vieles erscheint da in der Umset­zung der musikalis­chen Gedanken etwas zu zahm, zu matt und zu kon­ture­n­arm. Kaum Ein­druck machen kön­nen auch die Duos für Vio­line und Klavier. Bohuslav Matousek (Vio­line) und Petr Adamec (Klavier) bleiben in ihrer Aus­drucks- und Klangge­bung zu eindi­men­sion­al, sie erre­ichen nicht die zu wün­schende Ele­ganz und Lockerheit.
Dem Nash Ensem­ble gelingt es dage­gen vorzüglich, aus Dvo¡ráks Ser­e­nade für Bläs­er, Cel­lo und Kon­tra­bass d‑Moll op. 44 mit sin­n­fäl­liger Artiku­la­tion, fein gestufter Dynamik und leb­haftem Ges­tus ger­adewegs ein Meis­ter­w­erk zu machen. Dif­fizil geht man mit den Farb­mis­chun­gen der Instru­men­tierung um, die ver­schiede­nen musikalis­chen Charak­tere wer­den in einen aufre­gend plas­tis­chen und doch völ­lig organ­is­chen Zusam­men­halt gebracht.
Die richtige Bal­ance von Empfind­ung und Elan wis­sen auch Robert Cohen (Cel­lo) und Roger Vig­noles (Klavier) in Dvo¡ráks Ron­do g‑Moll op. 94 aufzus­püren, und mit den fünf Bagatellen op. 47 für zwei Vio­li­nen, Vio­lon­cel­lo und Har­mo­ni­um find­et sich inner­halb dieser Edi­tion noch ein weit­er­er rar­er Werkkom­plex, der mit dem Alberni String Quar­tet und Vir­ginia Black am Har­mo­ni­um klan­glich und musikalisch span­nungsre­ich aus­gedeutet wird.
Nicht alles, aber vieles, was man in dieser Edi­tion vorfind­et, ist musikalisch aus­gereift und erscheint voll­gültig. Tech­nis­ch­er­seits allerd­ings hat der angepeilte niedrige Verkauf­spreis wohl nicht die nötige Sorgfalt erlaubt: Da hat man grobe Schnit­tfehler (Aus­las­sung am Ende des Eröff­nungssatzes des Dumky-Trios), und mehrmals ein Weg­blenden des Halls und ein Beschnei­den des Ein­schwin­gens hinzunehmen.
 
Thomas Bopp