Kagel, Mauricio

Duodramen / Szenario / Liturgien

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Naxos 8.570179
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 81

Drei der wichtig­sten Orch­ester­w­erke von Mauri­cio Kagel enthält diese neue Niedrig­preis-CD. Film­musik, Opern­szene und Gottes­di­enst sind ihr jew­eiliger Hin­ter­grund. Es begin­nt mit dem Szenario – Con­cer­to grosso für Stre­ich­er und Hun­de­laute (1981/82), ursprünglich eine Ver­to­nung des Stumm­film-Klas­sik­ers Le chien andalou (1928) von Luis Buñuel und Sal­vador Dalí. Kagel erk­lärt, er sei den umgekehrten Weg gegan­gen wie die bei­den Sur­re­al­is­ten, indem er den sin­n­freien Filmti­tel wörtlich nahm und dem Stre­i­chorch­ester ein Ton­band mit solis­tis­chen Hun­de­laut­en hinzufügte. Dabei scheinen die zunächst zaghaften, dann kla­gen­den und schließlich wüten­den Hun­de­laute mit den vielfältig gestrich­enen, gezupften und geschla­ge­nen Stre­icherk­län­gen zu kor­re­spondieren.
Aus Kagels Wun­sch, die Beset­zung des Mon­odrams zu erweit­ern, ent­standen die sechs Duo­dra­men für Sopran, Bari­ton und Orch­ester (1997/98), ein „munter­er Olymp der frei erfun­de­nen Anzüglichkeit­en“ (Kagel) zwis­chen je zwei his­torischen, aber ungle­ichzeit­i­gen Per­sön­lichkeit­en wie Cosi­ma Wag­n­er und Hen­ry Ford oder Alma Mahler-Wer­fel und Dschingis-Khan. Ver­tont wie ein orches­traler Liederzyk­lus von Mahler oder vielmehr als imag­inäre Opern-Final­szenen à la Wag­n­er und Richard Strauss – natür­lich dis­so­nant „enthäutet“.
Bei seinem ersten Aufen­thalt in Jerusalem 1979 erlitt Mauri­cio Kagel nach eigen­er Aus­sage einen „Kul­turschock“, als er die Klage­mauer, den Felsendom und die kon­fes­sionell vielfach geteilte Grabeskirche zugle­ich sah: „Bei diesem Bild emp­fand ich deut­lich­er denn je, dass die unter­schiedlichen Auf­fas­sun­gen, die Men­schen lei­den­schaftlich pfle­gen, sobald es sich um religiöse Überzeu­gun­gen han­delt, ger­adezu töricht und banal, ja über­flüs­sig sind, wer­den sie gegen Ander­s­denk­ende gerichtet.“
Noch im Heili­gen Land begann Kagel ein Musik­stück zu konzip­ieren, aus dem später seine Liturgien für Tenor, Bari­ton, Bass, zwei gemis­chte Chöre und großes Orch­ester (1989/90) wur­den. Auf eine entsprechende Textcol­lage in hebräis­ch­er, ara­bis­ch­er, griechis­ch­er, lateinis­ch­er, rus­sis­ch­er und deutsch­er Sprache wird aus der für den Kom­pon­is­ten offenkundi­gen „Entsprechung zwis­chen Monothe­is­mus und Monodie“ eine „Poly­phonie der Liturgien“. Kagels ambiva­len­ter Humor neigt in diesem Werk mehr zur ern­sten Seite.
Die drei vor­liegen­den, höchst präsen­ten Auf­nah­men des Saar­ländis­chen Rund­funks stam­men aus den Jahren 1994 bis 2001; zwei ent­standen im Musik­stu­dio 1 des Saar­brück­er Funkhaus­es Hal­berg, die Liturgien sind ein Konz­ert­mitschnitt aus der Liss­abon­ner Gul­benkian-Stiftung, deren großar­tiger Chor hier mitwirkt. Wun­der­bar, welche Zaubertöne Kagel den Stre­ich­ern des jed­erzeit zuver­läs­si­gen Rund­funk-Sin­fonieorch­esters Saar­brück­en im ziel­los schre­i­t­en­den, fast gruseli­gen Szenario ent­lockt. Wie gut die bei­den Duo­dra­men-Solis­ten (Mar­garet Chalk­er und der Kagel-bewährte Roland Her­mann) gemein­sam mit dem Orch­ester die Waage zwis­chen Pathos und Par­o­die hal­ten. Nur bei den dicht geset­zten Liturgien hätte der dirigierende Kom­pon­ist vielle­icht dem (ver­ständlichen) Klan­grausch der Musik­er (vor allem der drei etwas tremolieren­den Gesangs-Solis­ten) mehr Gren­zen set­zen sollen. Jeden­falls ist dies eine Inter­pre­ta­tion, welche die Melan­cholie, ja Trauer über den anhal­tenden religiösen Unfrieden in der Welt drama­tisch und gefüh­lvoll ver­mit­telt.
Ingo Hoddick