Ruhnke, Ulrich

Düstre Aussichten

In Berlin fand, wie jedes Jahr, der Deutsche Orchestertag statt

Rubrik: Zwischentöne
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 45

Am Ende der gut ein­stündi­gen Eröff­nungs­diskus­sion ist das Eis gebrochen. Men­schen, die angereist aus allen Eck­en Deutsch­lands sich vor der Ver­anstal­tung in Unken­nt­nis übere­inan­der gar nicht oder nur knapp gegrüßt haben, andere, die sich schon von früheren Tre­f­fen kan­nten, dadurch unver­mit­telt wieder ins Gespräch und prompt zu spät zum ersten Tagung­spro­gramm­punkt kom­men – sie alle sind nach dieser ersten guten Stunde vere­int. Geeint im Lachen vornehm­lich über die spitzen Bemerkun­gen der zwei Diskus­sion­s­mod­er­a­toren, die am Fuß des hoch aufra­gen­den schlanken Kreuzes, das als einziges Ausstat­tungse­le­ment an die frühere Bes­tim­mung dieses Tagung­sortes als sakraler Bau erin­nert, ihrer pro­fa­nen aber wichti­gen Arbeit höchst erfol­gre­ich nachkom­men.
Eine ganz beson­dere Gemeinde ist es, die hier in der ehe­ma­li­gen Aufer­ste­hungskirche in Berlin-Friedrichshain, heute „Umwelt­fo­rum Berlin“, im nun­mehr vierten Jahr zusam­menkommt. Orch­es­ter­in­ten­dan­ten, ‑direk­toren, ‑geschäfts­führer, ‑man­ag­er, ‑dispo­nen­ten, ‑ref­er­enten, ‑inspek­toren, Fachkundi­ge des Mar­ket­ings und der Kom­mu­nika­tion, Dra­matur­gen, Mitar­beit­er aus Kün­st­lerischen Betrieb­s­büros und Volon­täre aus über 70 Klangkör­pern, ganz über­wiegend aus TVK-Orch­estern, gehören dazu. Nur diejeni­gen, die die Musik machen, die Orch­ester­musik­er, sind nicht dabei. Deren Umar­mung wäre zusät­zlich wohl auch kaum zu schaf­fen gewe­sen, ist es doch schon ein Kun­st­stück für sich, die Damen und Her­ren aus den ver­schiede­nen Bere­ichen der kün­st­lerischen und admin­is­tra­tiv­en Leitung der in Größe, Renom­mee, Finan­zausstat­tung und Erfolg gän­zlich unter­schiedlichen Orch­ester zu ein­er gemein­samen Gruppe zusam­men­zuschmelzen. Polemis­che Fra­gen der Mod­er­a­toren wie z.B. die nach der „frech-absur­den Absicherung von Musik­ern in TVK-Orch­estern“ sind wohlfeile, aber funk­tion­ierende rhetorische Hil­f­s­mit­tel beim Stiften ein­er gemein­samen Iden­tität der Anwe­senden. Wir sind die Guten! Die Musik­er sind die Schlecht­en.
„Muss ich noch üben oder kann ich schon Kinder kriegen?“, zitiert der beson­ders beißfreudi­ge Mod­er­a­tor die Über­legung ein­er fik­tiv­en Musik­erin. Die erhoffte Reak­tion kommt umge­hend, das Volk lacht. Grund­sät­zlich gäbe es ohne­hin nur zwei Typen von Musik­ern, näm­lich die, die es ernst mein­ten und deshalb den Anschluss an ein Freies Orch­ester sucht­en, und jene, die „sowieso ins TVK-Orch­ester gehen“, tritt er nach. Haha, auch hier großes Gelächter. Mit regelmäßi­gen Kanonen­schüssen in Rich­tung Musik­er brin­gen die Ver­anstal­ter die Lach­er und Herzen ihrer Gäste im Han­dum­drehen auf ihre Seite. Und irgend­wie ist das auch in Ord­nung. Es ist die Ver­anstal­tung der Man­ag­er und welch­er Parteitag käme schon ohne Schwarz­malerei, ohne die Zeich­nung klar­er Feind­bilder aus?
Prob­lema­tisch wird das Ganze allerd­ings dadurch, dass es im Orch­ester nicht wie in der Poli­tik um die Frage der Macht geht, zumin­d­est nicht gehen sollte. Auch wenn manche Führungsper­son sich das gerne anders wün­scht. „Wie viel kön­nen Musik­er mitre­den?“ war die Frage, mit der die eröff­nende Gespräch­srunde offiziell über­schrieben wurde. „Wie viel sollen Musik­er mitre­den?“ war ihre ehrlichere und wohl deshalb nur ver­bal geäußerte Vari­ante. Wie von ein­er aufziehen­den Gefahr wurde über den wach­senden Anspruch der Mitar­beit­er nach Mit­spracherecht­en berichtet, von einem all­ge­meinen „Gen­er­a­tio­nen­trend“, ein Wort, das sich in diesem Zusam­men­hang anhörte wie „Phase“, von der man sich erhofft, dass sie lieber früher als später wieder vor­bei sei. Dabei hätte man der dur­chaus zu Recht aufge­wor­fe­nen Frage danach, wer denn die Ver­ant­wor­tung übernehme, wenn alle mitentschei­den kön­nten, ein­mal ern­sthaft und in Ruhe nach­spüren kön­nen. Der Schaukampf auf dem Podi­um aber war eher darauf konzip­iert, Stim­mung statt Erken­nt­nis zu pro­duzieren.
„Kann ein Orch­ester bess­er sein, wenn seine Musik­er mehr in Entschei­dung­sprozesse involviert sind?“, brach Andreas Richter die Diskus­sion endlich auf ihren eigentlichen sach­lichen Kern hin­unter. Der Inten­dant des „freien“ Mahler Cham­ber Orchestra’s bejahte dies und ver­ließ seine Posi­tion auch nicht angesichts des Ein­wands, mit betonköp­fi­gen Musik­ern sei nun ein­mal unmöglich zu berat­en und zu entschei­den. Die Betonköpfe, die es in jedem Orch­ester, aber auch nur in ein­er Min­derzahl gäbe, müsse man halt iden­ti­fizieren, um sich mit ihnen geson­dert zusam­men­zuset­zen, emp­fahl Richter. An der grund­sät­zlichen Richtigkeit ein­er ver­stärk­ten Mitar­beit­er­mit­gestal­tung ändere dies aber nichts. Was er und sein Kol­lege Hans-Georg Kaiser vom Freiburg­er Barock­o­rch­ester über das kon­struk­tive Miteinan­der von Man­age­ment und Musik­ern son­st noch zu bericht­en wussten, bere­it­ete etlichen ihrer Kol­le­gen aus TVK-Orch­estern sicht­bares Unbe­ha­gen. Zutr­e­f­fend mag es sein, dass manch­es fes­tangestellte Orch­ester­mit­glied in punk­to Selb­st­mo­ti­va­tion, Ein­satzbere­itschaft und Inter­esse an über­ge­ord­neten, das Orch­ester in sein­er Ganzheit betr­e­f­fend­en (Zukunfts-)Fragen noch einiges von seinen selb­st­ständig arbei­t­en­den Kol­le­gen in den freien Klangkör­pern ler­nen kann. Die Man­ag­er der öffentlich finanzierten Orch­ester von ihren Kol­le­gen der pri­vat finanzierten im Hin­blick auf Kom­mu­nika­tion­skul­tur und Per­son­alen­twick­lung aber min­destens genau­so.
Nicht ohne Pikan­terie war es da, dass die Teil­nehmer des Deutschen Orch­estertags sich inner­halb eines zweit­en inhaltlichen Tagungss­chw­er­punk­ts mit Social Media beschäfti­gen soll­ten. Einem Kom­mu­nika­tion­sin­stru­ment, dessen gesamte innere Logik auf die Über­win­dung des ein­seit­i­gen Infor­ma­tions­flusses zugun­sten des dial­o­gis­chen Aus­tauschs zielt. Ein Instru­ment ger­adezu basis­demokratis­ch­er Teil­habe und Beteili­gung, das die Außenkom­mu­nika­tion und ‑darstel­lung auch der Orch­ester und Musik­the­ater auf Dauer grundle­gend verän­dern wird. Zumal ger­ade Kul­tur­in­ter­essierte, wie eine aktuelle Studie des ifo-Insti­tuts zeigt, sich beson­ders gerne im Inter­net aufhal­ten.
Wer heute noch fragt, was Face­book, Twit­ter, Apps und Co. ist, sei bere­its ins Hin­tertr­e­f­fen ger­at­en, so Nicole Simon, Social-Media-Exper­tin in ihrem eben­so fundierten wie ver­sierten Vor­trag. Die Frage sei nicht, was es die Orch­ester koste, Social Media für ihre Belange einzuset­zen, son­dern was es koste, es nicht zu tun. Auch wenn man mit den ein­schlägi­gen Tools derzeit oft­mals noch ins Unbekan­nte sende und sich für die finanziellen wie zeitlichen Investi­tio­nen keine Gewinnschwelle errech­nen ließe, die zugle­ich Beleg dafür wäre, dass ein bes­timmtes Pen­sum an Social-Media-Aktiv­ität automa­tisch z.B. zu einem erhöht­en Karten­verkauf führt. Ein Sachver­halt übri­gens, den im Kern auch Rolf Bol­win, Geschäfts­führer des Deutschen Büh­nen­vere­ins, meinte, als er aus­drück­lich davor warnte, sich bei der Öffentlichkeit­sar­beit der Orch­ester nicht in den Social Media zu ver­lieren. Ein Warn­hin­weis, der in seinem Lösungsansatz freilich wesentlich zu kurz greift, weil wohl kaum ein anderes PR-Instru­ment so sehr durch täglich­es Erfahren und Erspüren erlernt wer­den muss wie dieses. Der alte Man­ager­traum, durch kühl kalkulierte Impuls­ge­bung qua­si auf Knopf­druck jed­wedes gewün­schte Ergeb­nis her­stellen zu kön­nen, kann an dieser Stelle nur uner­füllt bleiben, weil die Men­schen im Social Web sich schlicht dage­gen sper­ren, ein­fach an die Hand genom­men zu wer­den.
Über die Beschw­er­lichkeit­en der Arbeit, bed­ingt durch den „Fak­tor Men­sch“, wusste Rolf Bol­win in seinem aus­führlichen Refer­at denn noch mehr zu bericht­en. Ins­beson­dere über die Zusam­me­nar­beit mit den Län­dern und Kom­munen, den eigentlichen Arbeit­ge­bern der Musik­er, die müh­seliger gewor­den sei, da die poli­tisch Ver­ant­wortlichen zunehmend selb­st mehr auf die Orch­ester zugreifen und mitbes­tim­men woll­ten, was nicht nur die Tar­i­fau­tonomie beschnei­den, son­dern das Tar­ifgeschäft regelmäßig in poli­tis­che Auseinan­der­set­zun­gen hineinziehen und dadurch die Arbeit für den Büh­nen­vere­in kom­pliziert­er machen würde. Zumal man es en gros mit ein­er Poli­tik­er­gen­er­a­tion zu tun habe, die der Musik per­sön­lich nicht son­der­lich nahe stünde. Die Ein­heitlichkeit des TVKs zu erhal­ten und der deut­lich spür­baren Gefahr sein­er Zweit­eilung in einen TVK für die Län­der und einen für die Kom­munen ent­ge­gen­zutreten, bew­ertete Bol­win als eine der größten Her­aus­forderun­gen für die Zukun­ft – neben dem angemesse­nen Umgang damit, dass sich immer mehr Spitzenorch­ester aus dem Flächen­tar­ifver­trag auskop­peln möcht­en. Der Büh­nen­vere­in, so kündigte Bol­win an, werde sich kün­ftig stärk­er auch um die außer­tar­if­poli­tis­chen Belange der Orch­ester bemühen wollen. Durch die Erhe­bung sta­tis­tis­chen Mate­ri­als z.B. über Konz­ert­pro­gramme und ‑for­mate werde man dem Infor­ma­tions­bedürf­nis der Orch­ester über sich selb­st, aber auch der Orch­esterträger über die Orch­ester verbessert nachkom­men kön­nen.
Es war bei diesen Ankündi­gun­gen der Gedanke nicht zu ver­hin­dern, warum sie erst jet­zt und nicht schon viel früher getrof­fen wur­den. „Erkenne dich selb­st!“ propagierten schließlich schon die Gelehrten der Antike. Und tun es heute erst recht die Berater für Unternehmen, Marke und Kom­mu­nika­tion. Welch­es ist mein Poten­zial, welche meine Posi­tion, wo und wofür ste­he ich? Die Klärung dieser Fra­gen ist notwendi­ge Hand­lungsvo­raus­set­zung, auch für die Orch­ester und nicht zulet­zt zur Sicherung ihrer Zukun­ft. Welche anderen Kul­tur­an­bi­eter auf dem Markt kön­nten sich eventuell zu Konkur­renten entwick­eln? Welche Krisen­szenar­ien sind denkbar? Welchen Plan habe ich, mit dem ich gegebe­nen­falls reagieren kön­nte? Peter Höbel, Geschäfts­führen­der Gesellschafter der Unternehmens­ber­atung PRGS-crisad­vice, emp­fahl, darüber nachzu­denken und gab Experten­wis­sen wie ‑erfahrung an die Anwe­senden seines über­füll­ten Sem­i­nars zum The­ma „Krisenkom­mu­nika­tion“ weit­er. Andere Work­shops wie z.B. der zu Stimme und Stimm­train­ing waren wesentlich weniger gut besucht. Die Zukun­ft, der sich deutsche Orch­ester­man­ag­er ent­ge­genge­hen sehen, ist offen­bar keine rosige.