Stradella, Alessandro

Due Sinfonie per Violino

(Turin-Manuskript) für Violine und Basso continuo, Erstausgabe, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Edition Walhall, Magdeburg 2015
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 71

Der 1639 in der Nähe von Viter­bo geborene ital­ienis­che Kom­pon­ist, Geiger und Sänger Alessan­dro Stradel­la hat ein sehr aben­teuer­lich­es Leben geführt, das am 25. Feb­ru­ar 1682 in Gen­ua auf gewalt­same Weise sein Ende fand, als er auf offen­er Straße aus bis heute ungek­lärten Grün­den erschla­gen wurde. Kein Wun­der, dass der pro­duk­tive Meis­ter, der selb­st neben Vokal- und Instru­men­tal­w­erken aller Art viele Opern kom­poniert hat, zum Pro­tag­o­nis­ten ein­er Oper wurde. Friedrich von Flo­tow, der Kom­pon­ist der Martha, brachte sie 1844 zur Urauf­führung. Da aber die Oper jen­er Zeit zunehmend in Vergessen­heit ger­at­en ist, dürfte Stradel­la heute wieder eher durch seine eigene Musik denn durch die zeitweise nicht unpop­uläre Ver­to­nung sein­er spek­takulären Biografie im Bewusst­sein sein. Nicht zu vergessen sind im Blick auf die Rezep­tion von Stradel­las Musik schon in der Barockzeit aber auch die Entlehnun­gen Georg Friedrich Hän­dels aus dessen Ser­e­na­ta für sein Ora­to­ri­um Israel in Egypt.
Die neue Aus­gabe zweier sein­er Sin­fonien für Vio­line und Gen­er­al­bass wirft den Blick auf den Instru­mentalkom­pon­is­ten Stradel­la, dessen Bedeu­tung der Her­aus­ge­ber Jolan­do Scarpa, in dessen Edi­tion „Frut­ti Musi­cali“ der Band erschienen ist, im Vor­wort betont. Stradel­la wird dort als Vor­läufer Corel­lis gewürdigt und als wichtiger Weg­bere­it­er der Gat­tung des Con­cer­to grosso ange­sprochen.
Die als Erstaus­gabe hier vor­liegen­den bei­den Sin­fonien – das ist eine Beze­ich­nung, die der Kom­pon­ist noch weit ent­fer­nt von der späteren Gat­tungs­beze­ich­nung ganz all­ge­mein für ein Instru­men­tal­w­erk benutzte – entstam­men ein­er Samm­lung von hand­schriftlich über­liefer­ten Stück­en, die in der Bib­liote­ca Estense in Mod­e­na (zwei Bände) und der Bib­liote­ca Nazionale in Turin (ein Band) über­liefert sind. Die bei­den Sin­fonien in d-Moll und a-Moll entstam­men dem Turiner Manuskript. Sie sind wahrschein­lich für Vio­line und Gen­er­al­bass gedacht, der Her­aus­ge­ber schließt im Vor­wort eine Ver­wen­dung für andere hohe Instru­mente aber nicht ganz aus. Sehr hoch liegt in der vierteili­gen d-Moll-Sin­fonie auch der kaum bez­if­ferte Bass, der immer wieder mit der Ober­stimme dial­o­gisiert. In der a-Moll-Sin­fonie, einem pas­sacaglia-ähn­lichen Vari­a­tio­nen­zyk­lus, wieder­holt die Unter­stimme 24 Mal ein Osti­na­to in bre­it­en Noten­werken.
Der Her­aus­ge­ber, der nur dezent in den Urtext einge­grif­f­en, bei strit­ti­gen Stellen aber ab und an ein Frageze­ichen geset­zt hat, liefert keine Aus­set­zung des Bass­es mit. Die Spiel­er dieses Parts auf Tas­ten- oder Laut­enin­stru­menten kön­nen und müssen hier selb­st aktiv wer­den. Doch in der Barock­musik, nicht zulet­zt in der instru­men­tal­en Kam­mer­musik, ist bekan­ntlich Fan­tasie sowie die Freude an eige­nen Lösun­gen und Impro­vi­sa­tion gefragt. Und dazu bietet diese Aus­gabe eine sehr gute, auch gut les­bare Grund­lage. Zudem macht sie mit weit­eren Teilen eines aparten Reper­toires bekan­nt und trägt nicht zuet­zt zur ver­mehrten Beschäf­ti­gung mit dem Kom­pon­is­ten Alessan­dro Stradel­la bei.
Karl Georg Berg