Dorothea Hofmann

Drôlerien

Caprice für Violoncello solo

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Edition Dohr, Köln
erschienen in: das Orchester 1/2026 , Seite 70

Kann man Bilder hörbar machen? Und erweckt die durch die Komponistin aus den Bildern abgeleitete Musik bei den Zuhörenden wieder dieselben oder zumindest ähnliche Assoziationen, entstehen dieselben Bilder also wieder durch eine Aufführung des Notentexts? Eine Antwort auf diese Fragen fällt im Fall von Dorothea Hofmanns Drôlerien für Violoncello recht schwer, vor allem weil die der Inspiration der Komponistin zugrunde liegenden Bilder nicht im Detail beschrieben werden und weil sogar angenommen werden kann, dass es sich gar nicht um bestimmte, eindeutig einzelnen Abschnitten der Komposition zuzuordnende Bilder handelt.
Im Begleittext zur Notenausgabe ihrer Drôlerien bezieht sich Dorothea Hofmann ganz allgemein auf die Fabelwesen, deren Darstellung mittelalterliche Bücher – neben den Inhalten – auch heute noch so reizvoll erscheinen lässt. Mischwesen aus Menschen, Tieren und Engeln, Chimären, die die Buchseiten in großer Farbigkeit besiedeln und meist gar nichts mit dem danebenstehenden Text zu tun haben. Und so wie Schrift und Bild vielleicht maximal eine lose Verbindung eingehen, so entwickelt sich Dorothea Hofmanns Soundtrack für ein einzelnes Cello vor dem Hintergrund tatsächlicher oder vielleicht auch nur vorgestellter Bilder eines Mittelalter-Comics.
Man darf sich den musikalischen Protagonisten hier vielleicht als einen Barden vorstellen, der mit dem ganzen Gestaltungsreichtum eines viel dimensional eingesetzten Streichinstruments kleine Geschichten erzählt, die von Einhörnern, Kopffüßlern oder Riesenschnecken handeln. Einige dieser Fabelwesen scheinen verführerische Tänze aufzuführen, andere kommen eher aggressiv und polternd daher. Da wird gesungen, gerockt und geseufzt, da geht es mal ruppig und vielstimmig, dann wieder feixend und heiter zu. Der Barde bindet all das durch seinen erzählenden Gesang zusammen und schafft einen Rahmen in diesem vielteiligen musikalischen Panoptikum.
Dorothea Hofmann, die in München Musikwissenschaft lehrt, gibt den Interpret:innen ihrer mit rund acht Minuten Spieldauer recht kompakten Drôlerien genügend Anhaltspunkte in Form kurzer Kommentare mit auf den Aufführungsweg, um sicherzustellen, dass verstanden wird, welches mittelalterliche Fantasiebild hier als Inspirationsquelle gedient haben könnte. Mit diesem groben Kompass ausgestattet, sollte sich mit viel klanglicher Differenzierung und Freiheit im virtuosen Vortrag eigentlich ein hübsches Stück Programmmusik gestalten lassen, deren Programm für Ausführende und Zuhörende nicht notwendigerweise deckungsgleich sein muss.
Daniel Knödler

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