Shchedrin, Rodion / Boris Tishchenko

Drei Hirten/Die Fresken des Dionysios / Konzert für Klarinette und Klaviertrio

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Thorofon CTH2595
erschienen in: das Orchester 06/2013 , Seite 73

Das Münch­n­er Ensem­ble Zeit­sprung wurde im Jahr 2006 gegrün­det, und dies ist seine Debüt-CD. Die Musik­er wid­men sich in erster Lin­ie der Musik des 20. und 21. Jahrhun­derts, wobei sie beson­deren Wert darauf leg­en, mit leben­den Kom­pon­is­ten zusam­men­zuar­beit­en. Auch das Pro­gramm der vor­liegen­den CD ver­dankt seine Entste­hung dem Kon­takt mit den Kom­pon­is­ten der präsen­tierten Werke: Als Rodi­on Shchedrin das Ensem­ble mit seinem Trio Drei Hirten hörte, war er so begeis­tert, dass er sich eine Auf­nahme dieses Werks mit den Musik­ern wün­schte – ein Wun­sch, der ihm pünk­tlich zu seinem 80. Geburt­stag am 16. Dezem­ber 2012 erfüllt wurde. Auch Boris Tishchenkos Konz­ert für Klar­inette und Klavier­trio übte Zeit­sprung im Jahr der Ensem­ble­grün­dung noch gemein­sam mit dem Kom­pon­is­ten ein.
Gemein­sam ist allen drei Kom­po­si­tio­nen – bei der drit­ten han­delt es sich um Shchedrins Ensem­blew­erk Die Fresken des Diony­s­ios – ein Bezug zur Ver­gan­gen­heit, der rus­sis­chen zumal: Den Fresken liegen als Inspi­ra­tion Wand­malereien des Iko­nen­malers Diony­s­ios aus dem frühen 16. Jahrhun­dert zugrunde, und in den Drei Hirten erin­nert sich Shchedrin an seine eigene Kind­heit auf dem Land, als er den Hirten beim Musizieren auf ihren Blasin­stru­menten zuhörte. Drei Instru­mente – Flöte, Oboe und Klar­inette – näh­ern sich einan­der an, dial­o­gisieren, kom­mu­nizieren immer inten­siv­er, bevor sie sich dann, im wörtlichen Sinn, voneinan­der ent­fer­nen. Der Raumk­lang­ef­fekt ist auf der CD natür­lich einge­fan­gen, und man spürt die Freude der Musik­er bei der Wieder­gabe dieser ländlichen Szene, die bei aller gewoll­ten dia­tonis­chen Ein­fach­heit dur­chaus hohe Anforderun­gen an Musik­er wie Zuhör­er stellt. Die asketis­che, frag­ile Stim­mung der Fresken des Diony­s­ios ist von den Musik­ern eben­falls äußerst sen­si­bel einge­fan­gen.
Von beson­derem Inter­esse ist die Bekan­ntschaft mit Boris Tishchenkos Konz­ert für Klar­inette und Klavier­trio. Auch bei diesem Werk han­delt es sich, nach Aus­sage des Kom­pon­is­ten, um ein In-Töne-Set­zen von Kind­heit­serin­nerun­gen, wie sie sich vielle­icht in den volksmusikar­ti­gen Into­na­tio­nen des Kopf­satzes man­i­festieren. Auch wenn Tishchenko, ein Lieblingss­chüler Schostakow­itschs, sich eines rel­a­tiv tra­di­tionellen Stils bedi­ent, ist doch seine Ton­sprache alles andere als leicht zu rezip­ieren: Der sparsame Umgang mit dem Ton­ma­te­r­i­al lässt an den späten Schostakow­itsch denken, häu­fige unwirsche, gar brachiale Aus­brüche gemah­nen an Schnit­tke. Im durch­weg von motorisch­er Bewe­gung durch­zo­ge­nen zweit­en Satz ent­ge­ht Tishchenko auch nicht immer der Gefahr der Lan­gat­migkeit. Den­noch ver­mag das Stück in sein­er kon­se­quenten Bogen­form und den aparten klang­far­blichen Kom­bi­na­tio­nen dur­chaus zu fes­seln: Während der langsamen und fried­vollen Coda des Finales hat der Hör­er das Gefühl, am logis­chen Schlusspunkt ein­er Entwick­lung angekom­men zu sein. Alles in allem ein eben­so faszinieren­des wie erfol­gre­ich­es Plä­doy­er für sel­ten gespielte Raritäten!

Thomas Schulz