Werke von Enno Poppe, Mark Andre, Jörg Widmann, Brian Ferneyhough und Klaus Burger
draad
Jaan Bossier (Klarinette), Matthias Schneider-Hollek, Ensemble Modern, Ltg. Brad Lubman
Der flämische Klarinettist Jaan Bossier ist seit 2022 Professor für Bläserkammermusik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main und Mitglied im Ensemble Modern. Er hat, wie der Titel seines Porträt-Albums mitteilt, einen eigenen draad (Draht) zur Musik. Und zwar ihm gemäß sowohl individuell als auch gesellschaftlich: „Mein Körper, mein System, ist von Natur aus neugierig und sucht nach Vielfalt. Deshalb versuche ich, möglichst vieles miteinander zu verbinden. Vor allem aber nimmt das Ensemble Modern einen großen Platz in meinem Leben ein. Hier kann ich mich in aller Freiheit nicht nur als Musiker ausdrücken, sondern auch als Mensch einbringen.“ Das ihn als Interpreten repräsentierende Repertoire ist dementsprechend in der Gegenwart entstanden. Dramatische Akzente bestimmen den Monolog Holz solo für Klarinette von Enno Poppe aus Berlin, in dem ein repetitives Motiv in die oberen Register steigt und sich von dort zu leisen Multiphonics und nervösem Parlando wendet. Dann folgt ein von Jaan Bossier sehr nuanciert artikuliertes Narrativ, das in Diskant-Schreien kulminiert und schließlich jäh in die Tiefe abstürzt.
Ähnlich ambitioniert sind die vom französisch-deutschen Komponisten Mark Andre geforderten Spieltechniken beim Atemwind, den Jaan Bossier mit Klappen- und Reibungsgeräuschen, Multiphonics-Vibrationen und anderen Timbres bemerkbar macht. Eine leise beginnende Monofonie mit plötzlich grellen Expressionen ist die Omagio a Luigi Nono für Bassklarinette und Live-Elektronik des Tuba-Solisten und Komponisten Klaus Burger, die dann dem italienischen Avantgardisten in sanftem Hall-Korridor wie durch einen liturgischen Cantus huldigt. Die Fantasie von Jörg Widmann kombiniert von George Gershwin inspirierte Blues-Rhetorik und Glissandi sowie jazzige Elemente mit virtuosen Volten.
Bekannt für seinen übermäßig komplexen Stil, zeichnet der Brite Brian Ferneyhough in dem speziellen Szenario La chute d’Icare den Sturzflug des Ikarus in flimmernd-stacheligen Ensemble-Sound nach – Symbol für die Risiken dieses Hybris-Experiments und den jugendlichen Übermut des Protagonisten als Kontrastrolle zur agilen Kobold-Klarinette. Wie Jaan Bossier seinen Part zielstrebig in höchste Registersphären klimmen lässt, gibt diesem Werk eine überzeugend tragische Façon.
Seine Verbindung zur Musik ist demnach davon geprägt, dass die Klarinette sowohl für poetische als auch dramatische Texturen bestens geeignet ist. Famos!
Hans-Dieter Grünefeld


