Philip Eisenbeiss

Domenico Barbaja

Schillernder Pate des Belcanto

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Sieveking
erschienen in: das Orchester 09/2019 , Seite 57

Seine Stat­ue stand bis vor Monat­en in Neben­räu­men, jet­zt aber im grandiosen Foy­er des Teatro San Car­lo in Neapel: ein fast anal­pha­betis­ch­er Kaf­fee­hauskell­ner, raf­finiert­er Casi­no­be­treiber, dazu auch nen­nenswert­er Frauen­held – und als Impre­sario für die Urauf­führung von 57 Opern ver­ant­wortlich, darunter Klas­sik­er von Rossi­ni, Belli­ni, Mayr, Donizetti, Carl Maria von Weber und Schu­bert.

Über die Stars der Epoche gibt es pro­funde Lit­er­atur, von Rossi­ni bis Ver­di, auch über den ein oder anderen Auf­tragge­ber, über Mäzene bei­der­lei Geschlechts und über den starken Ein­fluss von Geschichte und Gesellschaft. Doch der vielfach gewiefte „Drahtzieher“ dahin­ter stand bis­lang eher nur als Name in Nach­schlagew­erken: Domeni­co Bar­ba­ja (1777–1841). Autor Eisen­beiss nen­nt ihn im Unter­ti­tel zutr­e­f­fend „Pate“: Bar­ba­jas wild­be­wegte, krisen- und prozess­re­iche Tätigkeit­en erin­nern fatal an mafiose Vorge­hensweisen.

Der gegenüber der alten Mailän­der Scala kell­nernde Bar­ba­ja war so musikaf­fin ver­an­lagt, dass er zur Oper musste, anfangs auch wegen der finanziellen Gewin­n­möglichkeit­en beim in Opern-Foy­ers betrieben­em Glücksspiel: Karten­spiele des 18. und 19. Jahrhun­derts bis hin zum franzö­sis­chen Roulette. Bar­ba­ja wurde als Croupi­er reich, erkaufte sich die Betrieb­ser­laub­nis des bis zur Eini­gung Ital­iens bedeu­tend­sten Opern­haus­es und avancierte zum erfol­gre­ich­sten Impre­sario Neapels.

Auf­grund seines Erfol­gs dehnte der so geschäft­stüchtige wie ver­hand­lungs­geschick­te Bar­ba­ja seinen „Be-Spiel­raum“ ans Wiener Kärnt­ner­torthe­ater (1822–24) und an die Mailän­der Scala (1826–29) aus, beset­zte Pro­duk­tio­nen und ver­han­delte sog­ar über die Leitung der Opern in Paris und Lon­don – um dann seine let­zte Peri­ode doch wieder in Neapel zu ver­brin­gen. Er holte her­aus­ra­gende Gesangsstars auf die Bühne – von Col­bran bis Mal­i­bran, von Rubi­ni über Nour­rit bis Duprez –, verbesserte die Orch­esterqual­ität und lock­te Kom­pon­is­ten­größen nach Neapel: über 30 Urauf­führun­gen von Rossi­ni, darunter Elis­a­bet­ta, Otel­lo oder Zelmi­ra; 27 Werke Donizettis wie La Zin­gara und Rober­to Dev­ereux; Belli­nis Bian­ca e Fer­nan­do, Pira­ta und Straniera, Mayrs Medea. The­ater- und auf­führungs­geschichtlich etablierte der inno­va­tions­freudi­ge Impre­sario auch stets die neueste Büh­nen­tech­nik, schaffte Logen­vorhänge ab, ver­dunkelte den Zuschauer­raum und suchte durch die neueste Lam­p­en­tech­nik die üppige Bühne ins Zen­trum zu rück­en. Für Pri­vatauf­führun­gen, grandiose Feste und seine zahlre­ichen Affären hat­te Bar­ba­ja eine Traumvil­la an der Hal­binsel Posil­lipo voller Kun­stschätze.

All diese fin­ten­re­ichen, halb bis durch­weg kor­rupten, opern­haft drama­tisch über­schäu­menden Jahre wer­den durch Eisen­beiss’ flüs­si­gen, gut les­baren Stil amüsant lebendig. Er belegt aus der Lit­er­atur von Opern­reisenden und den Mem­oiren der Stars Zen­trales und bezieht die tur­bu­lente His­to­rie von den Bour­bo­nen über Napoleon bis zu den Hab­s­burg­ern mit ein. Ein anschaulich­es Zeit­gemälde entste­ht, durch­zo­gen von opern­haften Eit­elkeit­en und Intri­gen – und viel Oper.

Wolf-Dieter Peter