Bartók, Béla / Erich Wolfgang Korngold

Divertimento für Streichorchester / Symphonische Serenade für Streichorchester

Rubrik: CDs
Verlag/Label: ORF CD 3125
erschienen in: das Orchester 10/2011 , Seite 71

„Mein Glaubens­beken­nt­nis heißt: der Ein­fall!“ Dessen „Urkraft“ tri­um­phiere über kün­stliche Kon­struk­tion und musikalis­che Math­e­matik. Das schrieb Erich Wolf­gang Korn­gold über seine Zielset­zung als Kom­pon­ist. Das melodis­che Mate­r­i­al „dik­tierte“ seine Werke – das gilt auch für seine Sym­phonis­che Ser­e­nade op. 39. Wobei er auch auf das Wech­sel­spiel von Effekt und Affekt set­zte. Das wiederum brachte dem während der Nazi-Dik­tatur emi­gri­erten Musik­er Erfolge als Filmkom­pon­ist in Hol­ly­wood ein. Die Ser­e­nade ent­stand 1949/50, nach­dem er aus den USA nach Europa zurück­gekehrt war. Nach der Zusam­me­nar­beit mit Lein­wand-Größen sehnte er sich nach neuer Anerken­nung auf dem „ser­iösen“ Konz­ert­podi­um. Dazu trug die B‑Dur-Ser­e­nade bei, ein vier­sätziges Opus, das tra­di­tionelle Muster durch­läuft.
Korn­gold zieht bei dem Stück fast alle Reg­is­ter, ohne jedoch die Forderun­gen der Avant­gardis­ten nach Radikalität einzulösen. Die Ser­e­nade bre­it­et und leuchtet die Motiv­land­schaft raf­finiert aus. Gle­ich der Pizzi­ca­to-Auf­takt im Kopf­satz gibt diese Option vor. Wenn er wieder zum „gestrich­enen“ Klang wan­dert, erre­icht Korn­gold das „schwebende“ Ele­ment, das er von den Inter­pre­ten ver­langt. Im Inter­mez­zo jagt er durch das Noten­feld, immer kon­trol­liert. Leise Töne schlägt er beim Lento an, das er samten ausklin­gen lässt. Das eben­so an- wie befeuernde Alle­gro beweist noch ein­mal die reiche Palette des Kom­pon­is­ten: Er ken­nt sich bestens im Stre­ich­er-Niveau aus. Ein lei­der viel zu sel­ten gespieltes Werk, dabei wartet es mit großem Nuan­cen­re­ich­tum auf.
Bartóks Diver­ti­men­to ent­stand 1939 in der Schweiz, wohin ihn Paul Sach­er ein­ge­laden hat­te. Das Basler Kam­merorch­ester unter Sach­ers Diri­gat über­nahm die Urauf­führungsrechte. Die Kom­po­si­tion ist eine der let­zten, die der ungarische Kom­pon­ist noch in der „alten Welt“ fer­tig stellte – anschließend emi­gri­erte auch er in die USA. Die tänz­erische Rhyth­mik behält Bartók eben­so bei wie die har­monis­che Far­bigkeit. Das Espres­si­vo, das viele sein­er Stücke markiert, geht dem Hör­er schnell ins Ohr. Bartók gibt sich im dre­it­eili­gen Diver­ti­men­to ansprechend, neok­las­sisch – das Rup­pige,
Extro­vertierte, Kühne bleibt weit­ge­hend aus­ges­part. Stattdessen durch­we­ht eine poet­is­che Melan­cholie das Werk, das im Molto Ada­gio unirdis­che Sphären ertastet. Seherisch, visionär, nicht von dieser Welt – so scheint sich Bartók von dem bevorste­hen­den Kriegs­geschehen abzuwen­den.
Bei­de Stücke ver­fü­gen über Kolorit, Pro­fil und Klangeigen­heit­en, die den Kom­pon­is­ten „dahin­ter“ ausze­ich­nen. Bei­de wer­den vom Ensem­ble „Alle­gro Vivo“ unter der Leitung von Bijan Kha­dem-Mis­sagh so ernst wie unmit­tel­bar, so streng wie lei­den­schaftlich und poet­isch angenom­men und umge­set­zt. Der Diri­gent find­et prob­lem­los einen Zugang zu den Har­monie-Pro­gram­men, zur Orig­i­nal­ität der Ton­schöpfer und Beziehun­gen zur Stre­icherkul­tur. Er ver­mit­telt den Ein­druck ein­er lebendi­gen Klang­sprache, die auf Umstände, Umbrüche und Zeit reagiert – aber nicht in einem spek­takulären, bru­tal­en Schnitt, son­dern die Musik gren­zt an Tra­di­tio­nen und ist sich der musikalis­chen Entwick­lung seit 1900 bewusst. Die von Kha­dem-Mis­sagh gegrün­dete Acad­e­mia verknüpft hohe Klangkul­tur mit beherzter Ele­ganz. Korn­gold wie auch Bartók sind bei diesem Orch­ester in den „besten Hän­den“.
Jörg Loskill