Schulhoff, Erwin

Divertimento

für Streichquartett, Partitur und Stimmen

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Panton International, Mainz 2004
erschienen in: das Orchester 03/2005 , Seite 79

In den 1920er Jahren zählte Erwin Schul­hoff (1894–1942) zu den inter­es­san­testen Fig­uren der zeit­genös­sis­chen Musik­szene, der sowohl als gefeiert­er Konz­ert­pi­anist wie als unkon­ven­tioneller Kom­pon­ist im Dun­stkreis von Neok­las­sizis­mus, Neuer Sach­lichkeit, Dadais­mus und Jazz-Rezep­tion in Erschei­n­ung trat. Schließlich wandte er sich ver­stärkt sozial­is­tis­chen Ideen zu, was in der Kan­tate Das Kom­mu­nis­tis­che Man­i­fest (1932/33) seinen plaka­tiv­en Höhep­unkt fand. Wer weiß, wohin es den unkon­ven­tionellen Tschechen noch geführt hätte, wäre er nicht im Konzen­tra­tionslager ermordet worden.

Das hier in Erstaus­gabe vor­liegende Diver­ti­men­to für Stre­ichquar­tett op. 14 (1914), das erste von ins­ge­samt fünf Stre­ichquar­tet­ten, lässt den späteren Pro­tag­o­nis­ten Dres­d­ner, Berlin­er und Prager Avant­garde-Zirkel allerd­ings noch nicht erah­nen, han­delt es sich bei diesem fün­f­sätzi­gen Früh­w­erk am Ende von Schul­hoffs Köl­ner Stu­dien­zeit doch um ein unbeschw­ertes, rel­a­tiv kon­ven­tionell gear­beit­etes Stück Neok­las­sizis­mus mit gefäl­li­gen Anklän­gen an slaw­is­che Folk­lore, das im kon­trastiv­en Wech­sel schneller und langsamer Par­tien seinem Namen alle Ehre macht.

Kurz und bündig fließt der Kopf­satz mit leb­hafter Rhyth­mik dahin, dessen beschwingtes The­ma der 1. Vio­line von einem Hauch Melan­cholie durch­we­ht ist und von einem folk­loris­tis­chen Quint-Bass-Bor­dun im Cel­lo grundiert wird. Statt „klas­sis­ch­er“ Sonaten­haupt­satz­form über­raschen zwei wörtliche Reka­pit­u­la­tio­nen der Haupt­the­menab­schnitte, dazwis­chen durch­führungsar­tige Pas­sagen in orches­tralerem Satz. Das auf­fal­l­end homo­fone Satz­bild im Sinne divers­er Melodie- und Begleitungss­chema­ta wird von den fol­gen­den Sätzen nur bestätigt, die nicht nur alle der dre­it­eili­gen Lied­form frö­nen, son­dern reich­lich Gebrauch von Wieder­hol­ungs- und „Da Capo“-Mustern machen.

Ruhig fließend ent­fal­tet sich die volk­stüm­lich-schlichte Cava­tine (II), deren gedämpfter Gesang sich in bilder­buch­mäßi­gen Vorder- und Nach­satz-Vier­tak­tern abspielt; ihr etwas bewegter­er Mit­tel­teil wird von ein­er fließen­den Viertel­be­we­gung in der ersten Vio­line beherrscht, die von auf- und abwogen­den Ach­tel­skalen der Mit­tel­stim­men grundiert wird.

Das scher­zoar­tige Inter­mez­zo (III) gibt sich als aufgeräumter Pizzika­to-Satz im 3/8‑Takt, der melodis­che Ele­mente aus dem Kopf­satz auf­greift und dessen trioar­tiger Walz­erteil mit über­raschen­den Tem­powech­seln aufwartet. Die melodisch weit auss­chwin­gende Romanze (IV) ent­pup­pt sich als ver­i­ta­bler Schmacht­fet­zen, wo Bratsche und 1. Vio­line abwech­sel­nd um die schönere Melodie buhlen, bevor im agileren Mit­tel­teil endgültig, zumal in ein­er kleinen Kadenz, die 1. Vio­line die Ober­hand gewin­nt. Den größten Raum des ca. zwanzig­minüti­gen Werks nimmt das abschließende Ron­do ein, das unter Ver­wen­dung der charak­ter­is­tis­chen Ton­rep­e­ti­tion und ander­er The­men­bausteine aus dem Kopf­satz munter dahinjagt.

Ein for­mal unspek­takuläres, melodisch gewin­nen­des und doch har­monisch reich­es Stre­ichquar­tett-Diver­ti­men­to, das sich spiel­tech­nisch in ganz mod­er­at­en Regio­nen bewegt.

Dirk Wieschollek