Beethoven, Ludwig van

Discovering Beethoven with Joachim Kaiser and Christian Thielemann

Symphonies Nos. 1, 2 & 3/4, 5 & 6/7, 8 & 9, Konzertmitschnitte aus dem Musikvereinssaal Wien

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Unitel Classica C Major 704708/ 704908/705108, je 3 DVDs
erschienen in: das Orchester 05/2011 , Seite 78

In den ver­gan­genen Jahren kam eine ganze Rei­he von Auf­nah­men mit sämtlichen Beethoven-Sym­phonien auf den Markt. Manch ein­er mag vielle­icht Zweifel haben, ob es gelin­gen kann, sich nun wieder ver­stärkt an Furtwän­gler oder Kara­jan zu ori­en­tieren, nach­dem Orig­i­nalk­lang­ex­perten Roger Nor­ring­ton oder Paa­vo Järvi ganz andere Rich­tun­gen ein­schlu­gen.
Doch solche Bedenken sind in Winde­seile zer­streut. Man ist vielmehr dankbar, dass der Zeit­geistver­weiger­er Thiele­mann keinen Mod­en, son­dern eige­nen Überzeu­gun­gen fol­gt. Von wegen ein roman­tis­ch­er Klang sei dick­lich und kle­brig: Die Wiener betören vielmehr mit einem unnachahm­lich edlen, schlanken, einge­dunkel­ten und bei all diesen Qual­itäten auch stets trans­par­enten Klang. Spie­len die Stre­ich­er eine ein­fache Melodie, dann besitzt sie alle­mal die angemessene Schlichtheit. Anson­sten besitzen diese live im Wiener Musikvere­in mit­geschnit­te­nen Wieder­gaben alles, was Beethovens Sym­phonik aus­macht: das Hero­is­che, Drama­tis­che in den Kopf­sätzen, eine Grazil­ität in den Scher­zos und Menuet­ten, eine wun­der­bare Innigkeit und Zartheit im Lyrischen. Bei den Final­sätzen, vor allem in der Eroica und in der Fün­ften, fühlt man sich unweiger­lich an den jun­gen Feuerkopf Celi­bidache erin­nert, so kraftvoll, lei­den­schaftlich und vor allem über­raschend schnell geht Thiele­mann sie an.
Seine größte Meis­ter­schaft aber zeigt er in den langsamen Sätzen, bei denen er sich alle Zeit der Welt gön­nt und eine sub­tile, im Konz­ert­saal heu­te sel­ten gewor­dene Pianokul­tur hören lässt. Wie aus dem Nichts set­zen die Stre­ich­er in Sätzen wie dem Ada­gio molto cantabile in der Neun­ten ein, geben ihren Melo­di­en emo­tionale Tiefe, bere­it­en den Tep­pich für die Soli der Holzbläs­er, bei den Wienern eine Sek­tion der Extrak­lasse. Man spürt, wie die Musik­er, von denen einige diese Sym­phonien gewiss schon Dutzende von Malen gespielt haben, dieses Musizieren unter Thiele­mann genießen, fern von jeglich­er Rou­tine, hoch konzen­tri­ert und mit einem wohltuen­den heili­gen Ernst bei der Sache. Zu Thiele­manns beson­deren Raf­fi­nessen zählen die Zäsuren und Übergänge, etwa eine bis­lang kaum so beachtete Fer­maten­stelle im Alle­gro molto der Zweit­en, an der Thiele­mann den Vor­griff auf die Neunte deut­lich macht. Oder jen­er knis­ternde Moment, wenn sich die Musik vom mys­tis­chen, fast fahlen, leisen Gänse­haut-Grum­meln im Finale der Fün­ften ins strahlende C-Dur Bahn bricht.
Wertvoll auch die beigegebe­nen Doku­men­ta­tio­nen mit knap­pen, aber aus­sagekräfti­gen Inter­pre­ta­tionsver­gle­ichen mit Kara­jan, Bern­stein, Nor­ring­ton, Dudamel und anderen. Vor allem Thiele­manns Analy­sen wirken sehr auf­schlussre­ich, beson­ders seine ein­fall­sre­ichen, tre­f­fend­en Szenar­ien, die er etwa für die Intro­duk­tion des Eroica-Finales entwirft: Ein­er ste­ht nachts auf und tapst unsich­er im Dunkeln herum, weil er den Lichtschal­ter nicht find­et! Auf eine solche Assozi­a­tion muss man erst ein­mal kom­men. Dage­gen steuert Musikkri­tik­er Joachim Kaiser wenig Erken­nt­nis­re­ich­es bei, nimmt sich vielmehr mit blasiert­er Attitüde wichtig mit so rhetorischen, über­flüs­si­gen Fra­gen und Floskeln wie: „Herr Thiele­mann, ist Ihnen eigentlich klar, dass…?“ Als wäre sein Gegenüber kein Diri­gent von Weltk­lasse, son­dern ein Stu­dent im drit­ten Semes­ter.
Kirsten Liese