Dirigieren lernen mit Robert Kuckertz

Vom "Taktieren" zum "Dirigieren"

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Media Pool Filmproduktion
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 97

Dirigieren gehört zu jenen merk­würdi­gen Tätigkeit­en, bei denen man mit unter­schiedlich­sten Qual­itäten reüssieren kann, welche ein­er­seits vie­len erre­ich­bar scheinen, ander­er­seits im Ruf ste­hen, nicht erlern­bar zu sein. Die Missver­ständ­nisse tre­f­fen sich in der Unter­schätzung handw­erk­lich­er Kom­po­nen­ten bzw. deren Ver­mis­chung mit per­sön­lichkeits­ge­bun­de­nen, „auratis­chen“ etc. Jede auf saubere Unter­schei­dun­gen und auf Ver­sach­lichung der Diskus­sion gerichtete Ini­tia­tive ist also zu begrüßen, so auch der method­isch neuar­tige Ver­such von Robert Kuck­ertz. Er stellt von vorn­here­in klar, was erlern­bar ist und was nicht, und wid­met sich auss­chließlich dem Erlern­baren.
In ins­ge­samt 38 kleinen Kapiteln nimmt er die Kurve von all­ge­meinen Erörterun­gen („Geschichte“, „Stand und Kör­per­hal­tung“, „Hal­tung des Tak­t­stock­es“ etc.) über dirigiertech­nis­che Details, um am Ende wieder bei all­ge­meineren Fra­gen anzukom­men – „Sichtkon­takt“, „Klangvorstel­lung“, „Per­sön­lich­er Dirigier­stil“ etc. Dass das meiste optisch demon­stri­ert wer­den kann, ist der Vorzug der DVD; ihr Prob­lem ist, dass viele Aspek­te wenig­stens so einge­hend abge­han­delt wer­den soll­ten, dass der als Benutzer anvisierte, an Selb­stun­ter­richt inter­essierte Lieb­haber damit umge­hen, unter­brechen und sich in Einzel­heit­en ver­tiefen, vorgeschla­gene Übun­gen prak­tizieren kann – die Ein­ladung hierzu gehört zur Meth­ode. Insofern dient es dem Anliegen, dass Kuck­ertz die Nähe zur Zeitlu­pen-Pedan­terie von Gym­nas­tik-Demon­stra­tio­nen im Fernse­hen nicht scheut.
Ähn­lich wie beim Sin­gen inter­ferieren beim Dirigieren tech­nis­che und kon­sti­tu­tions­be­d­ingte Momente beson­ders stark, bei Bewe­gungsebe­nen, ‑dimen­sio­nen etc. Ein kör­per­lich anders disponiert­er „Vor­führer“ also hätte manch­es anders vorge­führt. Als einen Teil sein­er method­is­chen Sauberkeit hält der Kur­sus diesen Aspekt, soweit möglich, draußen und befleißigt sich ein­er gewis­sen Anonymität bzw. Beschränkung aufs Grund­sät­zliche, was dem Benutzer die Aneig­nung bzw. Über­tra­gung des Demon­stri­erten erle­ichtert.
Zur Sauberkeit des Unternehmens gehört überdies, dass es nir­gends die Illu­sion nährt, kleine Kara­jans her­stellen zu kön­nen, zu den Vorzü­gen, dass es umset­zbare Anre­gun­gen ver­mit­telt und zur Ver­sach­lichung der Vorstel­lun­gen vom Dirigieren beiträgt.
Peter Gülke