DIE ZEIT Klassik-Edition

lesen & hören 01: Yehudi Menuhin, mit CD

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Zeitverlag Gerd Bucerius, Hamburg 2006
erschienen in: das Orchester 03/2007 , Seite 79

Die Per­son von Yehu­di Menuhin dürfte jed­er­mann ver­traut sein: ein großer Vio­lin­ist, All­round-Musik­er und friedenss­tif­ten­der Welt­bürg­er. Ihn zum Auf­takt ein­er 20-bändi­gen Buchedi­tion der Wochen­zeitung DIE ZEIT zu wählen, ist nahe­liegend. Von den meis­ten der aus­gewählten Kün­stler (in kom­menden Bän­den u.a. Maria Callas, Pablo Casals, Diet­rich Fis­ch­er-Dieskau, Wil­helm Furtwän­gler, Her­bert von Kara­jan, Mstislav Ros­tropow­itsch, Elis­a­beth Schwarzkopf) existieren Biografien oder sog­ar Auto­bi­ografien. Viel Neues kann also nicht mehr anste­hen. Bei den feindlichen Konkur­renten Furtwängler/Karajan wird allerd­ings auf die Akzentset­zung von poli­tis­ch­er His­to­rie und per­sön­lich­er Ani­mosität zu acht­en sein.
Mit 64 Seit­en wie bei Menuhin ist der Anspruch ein­er umfassenden Biografie per se nicht zu erfüllen (vorhan­den allerd­ings ein kurz­er Lebens­abriss). Der Ver­lag ges­tat­tet sich überdies die Konzen­tra­tion auf Autoren, welche der ZEIT eng ver­bun­den sind. Da dieses eigen­wer­bende Auswahl­prinzip nicht kaschiert wird, ist dage­gen nichts einzuwen­den, schon wegen der Qual­ität der Texte. Ob eine bebilderte Notiz von der Offen­sive Menuhins und ander­er Kün­stler gegen Rock’n’Roll gle­ich zwei Seit­en hätte aufzehren müssen, sei allerd­ings bezweifelt wie auch die Notwendigkeit von „Konz­erte­in­führun­gen“ für die Musik­beispiele der beige­fügten CD.
Yehu­di Menuhin war Gren­zgänger und Gren­zsprenger. Für einen Geiger, in dessen Reper­toire das klas­sis­che Œuvre grund­sät­zlich dominierte, war die Kün­stler­fre­und­schaft mit dem Jaz­zgeiger Stéphane Grap­pel­li oder dem indis­chen Sitar-Spiel­er Ravi Shankar schon etwas Ungewöhn­lich­es, vielle­icht sog­ar Befremdlich­es. Heute ist, etwa bei Gidon Kre­mer, Crossover eine Selb­stver­ständlichkeit. Zwänge zu pop­u­lar­is­tis­ch­er Selb­st­darstel­lung mögen in Einzelfällen eine (nicht unbe­den­kliche) Rolle spie­len. Absicht­en dieser Art lagen Menuhin allerd­ings denkbar fern. Auch seine poli­tis­chen Aktiv­itäten entsprangen stets einem huma­nen Impe­tus, wie der frühe Schul­ter­schluss zu Wil­helm Furtwän­gler nach 1945 oder die ide­al­is­tis­chen Äußerun­gen zu einem Miteinan­der von Israel und Palästi­na bele­gen.
Erfreulicher­weise unter­drückt das Menuhin-Buch nicht jene Kri­tiken, welche die Kar­riere von einem „Wun­derkind“ (der 16-Jährige spielte Edward Elgars Vio­linkonz­ert unter Leitung des greisen Kom­pon­is­ten für die Schallplat­te ein) hin zu einem Geiger von „durch­schnit­tlich­er Qual­ität“ (zitiert nach Wikipedia) beschreiben. Auf­nah­men von Yehu­di Menuhin gibt es freilich genug, um dies im Detail zu über­prüfen und – ver­mut­lich – zu wider­legen.
Matthias Norquet