Egk, Werner

Die Zaubergeige, Highlights/La tentation de Saint Antoine

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Magdalen METCD 8018
erschienen in: das Orchester 09/2013 , Seite 79

„Die Zeit wartet nicht“ – ein doppelbödiger Titel, den Werner Egk 1973 seiner Autobiografie voranstellte. So geschickt er seine Karriere durch die Fährnisse des 20. Jahrhunderts steuerte: Seine Zeit ist vorüber… Wirklich?! Die vorliegende Produktion des Labels Magdalen – einer „Tochter“ von Metronome Records, die sich auf Wiederveröffentlichungen historischer Aufnahmen spezialisiert hat – bietet reiches Material, der Frage nachzugehen, weshalb dieser umtriebige Mann heute zu den weitgehend Vergessenen zählt.
Der fundierte, leider nur in einer englischen Version wiedergegebene Booklet-Text von James Murray ruft die Stationen von Egks Laufbahn in Erinnerung: Vor allem als Bühnenkomponist war der 1901 Geborene erfolgreich. Daneben wirkte er als Kapellmeister an der Berliner Staatsoper, als Kompositionslehrer und Direktor der Berliner Musikhochschule, als Präsident des Deutschen Komponistenverbandes, des Deutschen Musikrats, kurzum: Werner Egk gehörte zu den einflussreichsten Musikerpersönlichkeiten hierzulande.
Was ist zu hören? Ein 1954 in München unter Leitung des Komponisten produzierter Querschnitt durch seine 1935 uraufgeführte Oper Die Zaubergeige sowie eine 1956 entstandene Aufnahme des Vokalzyklus La tentation de Saint Antoine. Dieses Werk entstand 1945 und besteht aus dreizehn Liedern auf (im französischen Original vertonte) Texte des Vaudeville-Dichters Michel-Jean Sedaine: spitzzüngige Miniaturen, geprägt vom Kontrast zwischen der Figur des Heiligen Sebastian und der Décadence des 18. Jahrhunderts. Egks Affinität zur französischen Kultur – ein Zug, der ihn von seinen Landsleuten Hindemith, Fortner oder Hartmann unterschied – lässt seine Lieder in die Nähe Poulencs und der Pariser Kabarett-Musik rücken. Deren Leichtigkeit und Esprit erreicht der schwerere Pinselstrich des Bayern Egk jedoch nur bedingt.
Aus anderem Holz geschnitzt ist die Zaubergeige, eine auf Volkstümlichkeit und Leichtverständlichkeit zielende Märchenoper über einen Text des Münchner „Kasperlgrafen“ Franz Graf von Pocci. Es geht um Liebe, Geld, um die Magie der Musik, um Seelenverkauf im weiteren Sinne – und am Ende geht alles gut aus! Der Gefahr, in der Vertonung eines solchen „Marionetten-Faust“ Witz und Parodie mit echtem Kitsch zu verwechseln, entgeht Egk durchaus nicht. Wir vernehmen seltsame Melangen aus Orff, Lehár, UFA-Filmmusik, ein wenig Strauss, ein wenig Strawinsky und bajuwarischem Um-ta-ta.
Unter bibliophilen Gesichtspunkten ist die CD höchst bemerkenswert: In den Werken des „Vergessenen“ hören wir, welche Blüten des Gesangs die 1950er Jahre zu bieten hatten: Bernard Lefort (in der Tentation), Marcel Cordes, Erika Köth, Gottlob Frick (und andere) zu hören, macht größte Freude! Im instrumentalen Bereich herrschte noch nicht das Hochglanzgebot unserer Tage, doch spielen sowohl das Orchester der Bayerischen Staatsoper als auch die vier Musiker des Tentation-Streichquartetts sehr gediegen.
Gerhard Anders