Näther, Gisbert / Karl-Hans Möller

Die verhexte Musik

Ein musikalisches Märchen

Rubrik: CDs
Verlag/Label: NCA 60181
erschienen in: das Orchester 10/2007 , Seite 86

Das Deutsche Fil­morch­ester Babels­berg legt so richtig los: Große Trom­mel, Pic­co­lo, Tri­an­gel und was dazwis­chen klin­gen kann, spielt pro­fes­sionell, engagiert, rhap­sodisch alles, was gut und teuer ist. Man hört Schostakow­itsch, Mahler, Bern­stein, Straw­in­sky. Es tanzen drei Hex­en, und sie treten als musikalis­che Zauber­damen auf. Kinder wer­den diese Adap­tio­nen zwar nicht goutieren kön­nen, aber das macht nichts, denn die Musik von Gis­bert Näther ist ein­fach hörenswert und mitreißend und den Szenen angepasst.
Die Geschichte allerd­ings – oh weh! Ob Karl-Hans Möller sein Werk jemals Kindern erzählt hat? Kindern, die empfind­lichst reagieren auf „falsche Töne“? Da feiert Klang­hausen am Lied­bach sein 1000-jähriges Beste­hen. Der lächer­liche Oberkan­tor (warum muss dieses Lehrer-Läm­pel-Image per­pe­tu­iert wer­den?) heißt Thomas Cruzianus Domsper­ling, der „Ober­bürg­er­mae­stro“ Lud­wig Amadeus Bach. Noch pein­lich­er diese alte Schote vom „Hän­del“, den es gibt, um danach alle mit „Liszt“ in die „Haydn“ zu jagen.
„Hört ihr Leute, es ist wahr/Unsre Stadt wird 1000 Jahr/1000 Jahre Sang und Klang/Mit Musik ein Leben lang.“ Solche Art Beken­nt­nis­lyrik wird zum Kanon raus­geputzt und soll in Track 26/27 zum Mitsin­gen ein­laden. (Wen eigentlich? Eine Schulk­lasse? Ein Kind zu Hause?) Ziem­lich gewalt­sam wird die Musik in Rhyth­mus, Melodie und Har­monie aufgek­nackt durch die Hex­en Tak­ta-Bum, Tralala und Terziana Quin­tana. Es wird beson­ders darauf hingewiesen, dass Dur fröh­lich und Moll trau­rig klinge, was wir in der musikalis­chen Früherziehung hin­ter uns zu haben glaubten. Auch ein Marsch, der beim Hören mit Papier­rhyth­men begleit­et wer­den darf (und wie aufre­gend kann Papier­musik sein!), ret­tet nichts mehr. Wozu auch? Faz­it: Dies ist eine gestelzte, pein­liche Geschichte mit schön­er Musik in ein­er anmuti­gen äußeren Ver­pack­ung.
Dass alles auch ganz anders geht, zeigt Arndt Schmöle, der Erzäh­ler im Märchen vom Gestiefel­ten Kater. Hier wird auf Augen­höhe kom­mu­niziert und man hat an kein­er Stelle je das Gefühl, ein Erwach­sen­er beuge sich zu Kindern herab in päd­a­gogis­ch­er Absicht. Schmöle meint, was er sagt, und das ist sein Erfol­gs­ge­heim­nis. Er lässt Kinder erleben, dass nicht alle Spiel­er gle­ichzeit­ig tun kön­nen, was sie wollen, und er lässt jedes Mit­glied des Quin­tetts sein Instru­ment vorstellen: Die Flöte spielt, wie sich eine Prinzessin unsterblich in einen jun­gen Mann ver­liebt. „Hört mal!“ Das Horn erzählt vom König, der majestätisch in seinem prunk­vollen Schloss herrscht. Das Fagott spielt sehr unheim­lich von einem großen bösen Zauber­er und der Klar­inette hört man an, dass ihr Spiel­er einen jun­gen Mann gese­hen hat­te, der so trau­rig war, dass die Luft wehmütig zu klin­gen begann. Der Kater mit den Stiefeln wird der Oboe zuge­sellt und macht sich fro­hen Muts auf seinen Weg. „Jet­zt kön­nen wir mit unseren Instru­menten eine wun­der­bare Geschichte erzählen.“ Leit­mo­tivisch wird erzählt – voll musikalis­ch­er und sprach­lich­er Poe­sie: Das Fagott ist nicht immer der Groß­vater. Schmöle macht sich nie gemein mit dem jun­gen Pub­likum. Er führt sehr motivierend ein und dann erzählt er auf seine unver­wech­sel­bare Art, die zum Zuhören ani­miert, ein Grimm’sches Märchen und die Musik erzählt mit. „Hört mal, wie schön die Prinzessin ist!“ Hier geht es um Aus­sage und Wirkung von Musik in ein­er völ­lig unauf­dringlichen Weise. Da rollt eine Kutsche, da pocht das Herz der Prinzessin. Und es geht auch mal unisono und mit Fin­ger­schnipsen über in einen kleinen Bläserkanon. Die Fuge als ton­ma­lerisches Pen­dant zum schnellen Entkom­men muss gar nicht erwäh­nt wer­den, das ler­nen die Kinder noch früh genug.
Peter Francesco Mari­no kom­poniert mit Sen­si­bil­ität und Witz. Er arbeit­et mit seinem motivis­chen Mate­r­i­al. Wun­der­bar, wie er die Räder der Kutsche rollen lässt oder uns in der Halle des bösen Zauber­ers mit geblasen­er Luft, klap­pern­den Klap­pen, Flat­terzunge und Glis­san­di in Schreck­en ver­set­zt und wie der Wald wider­hallt vom Schreien der Sägen und Äxte! Eigentlich ken­nen wir das Märchen doch längst. Aber wir hören es mit völ­lig neuen Ohren! Denn dauernd geschieht Uner­hörtes, Aufre­gen­des. Und so soll es sein. Kein falsch­er Ton!
Bär­bel Becker