Moster, Stefan

Die Unmöglichkeit des vierhändigen Spiels

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: mare, Hamburg 2009
erschienen in: das Orchester 02/2010 , Seite 65

Ein Kreuz­fahrtschiff kann der ide­ale Schau­platz für einen Roman sein: Der Per­so­n­enkreis ist begren­zt auf die Zahl der Mitreisenden, eben­so die Räum­lichkeit­en und doch ist alles da: Reisende, die Crew des Schiffs, eine dif­feren­zierte Infra­struk­tur, die Welt im Kleinen als Obser­va­tion­sraum. Der 1964 in Mainz geborene Ste­fan Moster macht sich für sein Roman­de­but Die Unmöglichkeit des vier­händi­gen Spiels diese The­atrum-mun­di-Sit­u­a­tion in vir­tu­os­er Weise zunutze: Almut, Ende vierzig, lässt sich als Schiff­spsy­cholo­gin auf das Aben­teuer ein, die Klien­tel ein­mal nicht auf dem Fes­t­land zu behan­deln. Und sie ist froh über diese Abwech­slung zum All­t­ag, die ihr ein Fre­und ihres Exmannes ange­boten hat. Denn ihr neun­zehn­jähriger Sohn Sebas­t­ian hat vor einiger Zeit die Mut­ter samt müt­ter­lich­er Woh­nung im Stre­it und mit unbekan­ntem Ziel ver­lassen. Was Almut nicht weiß: Sebas­t­ian ist eben­falls auf dem Schiff. Auch er wurde für die Kreuz­fahrt ange­heuert und spielt nun als Pianist in der Bar die Abendge­sellschaft in Stim­mung.
In auf Kapi­tel verteil­ter Wech­selrede lässt Moster seine bei­den Pro­tag­o­nis­ten sprechen und ermöglicht dem Leser so einen objek­tiv­eren Blick auf das stark aufge­ladene Ver­hält­nis zwis­chen Mut­ter und Sohn, das aus­gerech­net beim Ver­such, gemein­sam die Schu­bert-Sonate D 946 zu spie­len, aus den Fugen ger­at­en ist. Und während man geban­nt den Schilderun­gen fol­gt, wie dieser nicht aus rein indi­vidu­ellen Span­nun­gen her­rührende Kon­flikt ent­standen ist, und mit Span­nung erwartet, ob, und wenn ja wie, Mut­ter und Sohn auf dem Schiff aufeinan­der tre­f­fen wer­den, wird einem zugle­ich auch ein Stück deutsch-deutsche Geschichte erzählt. Denn Almut ist in Leipzig aufgewach­sen und hat nach dem Ver­lust ihrer Arbeit im West­en noch ein­mal von vorne anfan­gen müssen. Erst auf dem Schiff erfährt sie Dinge über ihre Ver­gan­gen­heit, die ihr bis­lang ver­bor­gen waren. Zudem ist Sebas­t­ian in den Trans­port ille­galer afrikanis­ch­er Flüchtlinge ver­wick­elt, die ver­suchen, im Bauch des Kreuz­fahrtschiffes nach Europa zu gelan­gen.
Moster, der heute in Finn­land lebt und bis­lang als Lek­tor und Über­set­zer tätig war, hat hier einen Roman vorgelegt, dem man seinen Debut­sta­tus allen­falls pos­i­tiv in der über­bor­den­den Begeis­terung fürs eigene Schreiben und in der unbändi­gen Lust am Fab­u­lieren anmerkt. Das Buch ist über­aus span­nend, klug kon­stru­iert, bisweilen unglaublich witzig, in sein­er Psy­cholo­gie glaub­würdig, in sein­er Welt­sicht engagiert, kri­tisch und doch human und weit ent­fer­nt von allem Tas­ten­den und Tes­ten­den eines durch­schnit­tlichen Debuts.
Die Unmöglichkeit des vier­händi­gen Spiels ist ein aus viel­er­lei Warte les­bares Buch. Dass der Musik darin eine dra­matur­gis­che Funk­tion zukommt, ihre Möglichkeit zur Stim­u­la­tion, zur Ani­ma­tion, zur Manip­u­la­tion, zur Versenkung erörtert wer­den, ist nur eine von vie­len Facetten dieses Romans, über den sich noch vieles sagen ließe. Man kann es aber auch kurz fassen: unbe­d­ingt lesen!
Beate Tröger