Bachtyar Ali

Die Stadt der weißen Musiker

Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Unionsverlag
erschienen in: das Orchester 03/2018 , Seite 61

Der Ton der Flöte zieht die Men­schen an. Unwirk­lich und magisch zugle­ich ist der Klang, den Dscha­l­a­dati lange mit seinem Lehrer geübt hat. Er liebt sein Instru­ment und dessen Wirkung, doch dann muss er seine musikalis­che Kun­st ver­heim­lichen, weil sie ihn im Krieg ver­rat­en würde. Dieser Krieg ist der Kur­den-Kon­flikt im Irak und Iran, und so wech­selt Bacht­yar Alis umfan­gre­ich­er Roman zwis­chen har­ter poli­tis­ch­er Real­ität und der Leichtigkeit, manch­mal auch Weitschweifigkeit eines ori­en­tal­is­chen Märchens.
Der kur­dis­che Autor, der seit 1995 in Deutsch­land lebt, lässt seine Geschichte von der Macht der Musik von zwei sich abwech­sel­nden Erzäh­lern und somit aus wech­sel­nden Per­spek­tiv­en schildern. Da ist Dscha­l­a­dati, der junge Held, der seine Biografie, also die Wahrheit, aufgeschrieben haben will. Und da ist der Schrift­steller Ali Sharafi­ar, der aus dessen Leben Lit­er­atur, also etwas Schönes, machen will. Darüber stre­it­en sich die bei­den immer mal wieder und nach einem schön geheimnisvoll-ver­schlun­genen Auf­takt muss man sich im zweit­en von fünf Büch­ern durch viel mys­tis­ches Ger­aune über die Musik, die Men­schen auch übers Wass­er gehen lässt, kämpfen.
Doch das ist das einzig Plaka­tive in diesem von Peschawa Fatah und Hans-Ulrich Müller-Schwefe aus dem Kur­dis­chen (Sorani) über­tra­ge­nen Buch. Bacht­yar Ali erzählt eine furiose Geschichte mit viel Atmo­sphäre, aber auch Ungewis­sheit und Angst, zwis­chen Schön­heit und Schreck­en, Poe­sie und Poli­tik.
Dscha­l­a­dati ver­steckt sich in der Stadt der Pros­ti­tu­ierten, arbeit­et als mieser Enter­tain­er und gewöh­nt sich müh­sam seine musikalis­chen Kün­ste ab (das zu lesen ist eine eigene Art von Folter). Immer wieder begeg­net ihm die geheimnisvolle Dalia, die sich auf den Weg zu einem Keller voller Akten, die zugle­ich See­len sind, macht.
Dscha­l­a­dati wün­scht sich eine Welt, in der die Musik das Töten stoppt und für Gerechtigkeit sorgt, aber Krieg und Folter flam­men immer wieder auf. Der ihm vorbes­timmte Weg soll ihn eigentlich in die Stadt der weißen Musik­er führen, die Stadt der getöteten Schön­heit, wo es eine „Geigen­trä­nen-Straße“ und eine „Weiße Flöten-Gasse“ gibt. Hier wird der junge Mann zum Boten, der die let­zten Nachricht­en der Opfer zu ihren Fam­i­lien bringt. Bacht­yar Alis Held wirkt dabei mal wie eine mythis­che Fig­ur, mal wie ein Draufgänger, ist Philosoph und Kämpfer, wird selb­st zum Opfer, aber auch zum Helfer.
Schließlich find­et Dscha­l­a­dati einen der Täter, Samir von Baby­lon, arrang­iert eine Gerichtsver­hand­lung mit den Ange­höri­gen der Opfer als Ankläger und Richter. Doch auch in diese harten Szenen lässt der Autor wieder das Märchen­hafte einziehen, denn aus­gerech­net Samir hat jene Flöte, die Dscha­l­a­dati einst ver­loren hat­te, und nimmt sie mit ins Grab. Den jun­gen Helden jedoch ret­tet auf wun­der­same Weise wieder die Musik: Er wird von seinen Geg­n­ern gekreuzigt, doch der Ton der Flöte gibt ihm seine Seele zurück. Und so kann er endlich wieder seine magis­che Musik spie­len und ihre Kraft an andere weit­ergeben.
Ute Grund­man