Arditti, Irvine /Robert HP Platz

Die Spieltechnik der Violine

mit DVD

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2013
erschienen in: das Orchester 11/2013 , Seite 76

Mehr als 25 Jahre, nach­dem Igor Ozim in der Rei­he „Pro Musi­ca Nova“ (Bre­itkopf & Här­tel, Wies­baden 1986) neue Spiel­tech­niken für die Vio­line anhand kurz­er, teils eigens für diesen Zweck kom­poniert­er Stu­di­en bün­delte und erläuterte, erscheint mit der vor­liegen­den Pub­lika­tion erneut ein Kom­pendi­um, das sich der Darstel­lung entsprechen­der spiel­tech­nis­ch­er Prob­leme wid­met. Der Band reagiert auf die Tat­sache, dass mit­tler­weile in Bezug auf die Möglichkeit­en erweit­ert­er Spiel­tech­niken sehr viel Neues ent­standen ist, und bere­it­et es – an die pos­i­tiv­en Erfahrun­gen des Bären­re­it­er-Ver­lags mit ähn­lichen Pub­lika­tio­nen für andere Instru­mente anknüpfend – aus der Per­spek­tive des Inter­pre­ten und des Kom­pon­is­ten auf.
Mit Irvine Ardit­ti ist die Wahl auf einen Musik­er gefall­en, der bei den Aus­führun­gen zu spez­i­fis­chen geigerischen Fragestel­lun­gen auf eine vier Jahrzehnte währende Erfahrung mit Urauf­führun­gen zurück­greifen kann, was sich nicht nur in tech­nis­chen Details, son­dern beispiel­sweise auch in wichti­gen Hin­weisen zur Erar­beitung der kom­plex notierten Musik Bri­an Fer­ney­houghs abze­ich­net.
Da sich die Pub­lika­tion aber zudem an Kom­pon­is­ten wen­det, die sich mit den Möglichkeit­en der Vio­line ver­traut machen wollen – eine Auf­gabe, für die man sich statt Robert HP Platz einen weniger kon­ven­tionellen Kom­pon­is­ten hätte wün­schen kön­nen –, enthält der Band darüber hin­aus eine ganze Rei­he von Grund­la­gen inklu­sive Griffta­bellen für mögliche Akko­rdzusam­men­stel­lun­gen, die einen Geiger weniger inter­essieren dürften. Ger­ade die von Platz im Anhang aus­ge­bre­it­eten Vorschläge, wie man eine Par­ti­tur einzuricht­en oder durch Nota­tion für den Puls inner­halb eines Kam­mer­musikensem­bles zu sor­gen habe, lassen ein ganz bes­timmtes Bild vom Kom­ponieren erken­nen und zeigen, dass über diese heute vielfach auch hin­ter­fragte Hal­tung nicht hin­aus­gedacht wird.
Dieser Umstand mag Anlass dafür gewe­sen sein, Ardit­tis Darstel­lung zeit­genös­sis­ch­er Spiel­tech­niken – geord­net nach Aus­führun­gen zu Lagen- und Bogen­tech­nik, Vibra­to, Pizzi­ca­to, Glis­san­di, Fla­geo­letts, Tab­u­laturno­ta­tion, Rhyth­mus und den Ein­satz von Elek­tron­ik – auf Beispiele zu beschränken, die ein­er Art „Kanon“ des Kom­ponierens entstam­men, ohne wirk­lich kom­plexe Tech­niken (etwa das Spiel mit prä­pari­ertem Instru­ment oder die Ein­beziehung von Bewe­gungssen­soren) zu berück­sichti­gen.
Für den­jeni­gen, der sich zum ersten Mal mit aktuellen spiel­tech­nis­chen Prob­le­men befasst, liegt hier sicher­lich eine Ein­führung vor, die viel­er­lei Impulse ver­mit­teln kann, zumal Ardit­ti wichtige Details auch auf der beigegebe­nen DVD visuell und klan­glich ver­an­schaulicht. Der­jenige aber, der sich darüber hin­aus mit wirk­lich exper­i­mentellen Spiel­tech­niken und deren Umset­zung­sprob­le­men befassen möchte, sollte nach wie vor zu der seit einem Jahrzehnt unange­focht­e­nen, weitaus aus­führlicheren Stan­dard­pub­likation von Patri­cia Strange und Allen Strange (The Con­tem­po­rary Vio­lin: Extend­ed Per­for­mance Tech­niques, Berkley 2001) greifen.
Ste­fan Drees