Nastasi, Mirjam (Hg.)

Die Soloflöte

Eine Sammlung repräsentativer Werke vom Barock bis zur Gegenwart. Band IV: Das 20. Jahrhundert (bis 1960)

Rubrik: Noten
Verlag/Label: Peters, Frankfurt am Main 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 88

Die ersten drei Bände, Musik für Flöte allein aus Barock, Klas­sik und Roman­tik, erschienen von 1991 bis 1993 in jährlich­er Folge, nach langer Pause liegt jet­zt ein Band mit Werken des 20. Jahrhun­derts (bis 1960) vor. Absicht der Samm­lun­gen ist es, „Bekan­ntes neben Unbekan­ntem, Unter­hal­tendes neben Anspruchsvollem“ anzu­bi­eten. Das ist überzeu­gend gelun­gen, wobei Unter­hal­tendes dur­chaus auch anspruchsvoll sein kann – und umgekehrt.
Kein anderes Blasin­stru­ment hat im 20. Jahrhun­dert ein solch­es Solo-Reper­toire wie die Flöte, der Her­aus­ge­berin Mir­jam Nas­tasi wird die Auswahl nicht leicht gefall­en sein. Die ins­ge­samt 33 Stücke sind chro­nol­o­gisch ange­ord­net, wobei aber Entste­hung und Druck in Wirk­lichkeit oft weit auseinan­der liegen. Syrinx, 1912 ent­standen und 1913 uraufge­führt, ist erst 1927 im Druck erschienen, Hin­demiths Acht Stücke von 1927 wur­den erst 1958 gedruckt.
Die Kom­pon­is­ten sind, Fukushi­ma ausgenom­men, alle Mit­teleu­ropäer, wobei Fran­zosen, Deutsche und Schweiz­er über­wiegen. Das zu unter­stel­lende Auswahl-Kri­teri­um „musikalisch wertvoll“ ist gut getrof­fen, kein Stück möchte man mis­sen. Auch als Überblick über die Kom­po­si­tion­stech­niken der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts ist die Zusam­men­stel­lung sehr geeignet, die Entwick­lung der Spiel­tech­nik in diesem Zeitraum lässt sich an der gebote­nen Auswahl ein­drucksvoll ver­fol­gen: ein bre­ites Spek­trum musikalis­ch­er und tech­nis­ch­er Möglichkeit­en und Ansprüche, über vielfältige vor- und rück­wärts­ge­wandte Spielarten der „mod­erneren“ Musik bis hin zu nach wie vor avant­gardis­tis­chen Stück­en wie die von Hauben­stock-Ramati, Evan­ge­listi, Mader­na oder Berio.
Da aus Platz­grün­den bei zyk­lis­chen Werken nur Einzel­sätze abge­druckt sind, wird man sich das eine oder andere Stück ganz kaufen wollen, z.B. die unge­mein flöten­mäßi­gen Trois Pièces von Fer­roud, die vom Aus­druck her unmit­tel­bar faszinierende Sonate von Esch­er, die Sonate von Willy Schnei­der mit ihrer aparten „Zweis­tim­migkeit“ oder die Sonatine von d’Alessandro. Voll­ständig abge­druckt als Hom­mage an den kür­zlich ver­stor­be­nen Kom­pon­is­ten und zu Recht wegen ihrer Orig­i­nal­ität sind The­ma mit Vari­a­tio­nen von Tilo Medek aus dem Jahr 1960.
Über weniger bekan­nte Kom­pon­is­ten wie Stern, Mar­tin oder Funk erfährt man auch im Nach­wort lei­der nichts. Aus Copy­right-Grün­den fehlen Ibert und Varèse. Die zum Abdruck genehmigten Stücke wur­den neu geset­zt, was nun wiederum die Zahl der möglichen Lesarten ver­größert. Der Spiel­er ist gefordert, genau hinzuguck­en und Aus­gaben zu ver­gle­ichen. Ger­ade Syrinx, wo kein Auto­graf erhal­ten ist, es aber fast unendlich viele Aus­gaben gibt, überzeugt nicht (z.B. in T. 4, T. 19, T. 31, T. 33/34), auch im Danse de la Chèvre gibt es prob­lema­tis­che Stellen; anson­sten ist der Noten­satz sehr schön. Für Studierende und solche, die noch nicht alles haben, ist zudem der Preis des über 70 Seit­en starken Hefts gegenüber Einzelkäufen unschlag­bar gün­stig.
Ursu­la Pesek