Lohse, Horst

Die Sirenen noch im Ohr…

für Horn solo in F

Rubrik: Noten
Verlag/Label: edition gravis, Bad Schwalbach 2004
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 86

Der Titel Die Sire­nen noch im Ohr… ist genau­so schleier­haft wie die Har­monien des impres­sion­is­tis­chen Kom­pon­is­ten Claude Debussy, und man kön­nte dieses Stück eine Hom­mage an Debussy nen­nen. Der Titel bezieht sich nicht auf einen lästi­gen Tin­ni­tus des Musik­ers oder auf irgen­deinen Notruf, son­dern auf Zitate der Horn­stimme aus dem let­zten Satz „Sirènes“ aus Trois Noc­turnes für Frauen­chor und Orch­ester von Claude Debussy. Horst Lohse, mehrfach­er Preisträger für Kom­po­si­tion, erin­nert an das ver­führerische Werk Debussys: Wie die men­schlichen Frauen­stim­men ohne Text sin­gen, wan­dert der Horn­klang bei Lohse durch den Raum zum Ohr der Zuhör­er. Mit solchen Klang­far­ben ist die Musik fähig, Wirk­lichkeit und Nicht-Wirk­lichkeit, das Greif­bare sowie das Ungreif­bare zu simulieren.
Das Stück für Horn solo in F ist dem Nürn­berg­er Hor­nisten Wil­fried Krüger gewid­met und bere­its von ihm einge­spielt. Der Noten­text ist handgeschrieben; eine Sel­tenheit in der heuti­gen Zeit, zumal es zahlre­iche Com­put­er-Schreibprogamme für Noten gibt. Trotz­dem sind die Noten sehr gut leser­lich, zudem noch mit einem erfrischen­den, men­schlichen Aspekt. Die Noten in Basss­chlüs­sel klin­gen eine Quinte tiefer als notiert, wie son­st auch beim Vio­lin­schlüs­sel, also in F. Das klangvolle Stück ist ruhig bewegt ohne kom­plizierte Rhyth­men oder extreme tech­nis­che Anforderun­gen. Es hat allerd­ings einen ziem­lich großen Umfang, der vom notierten Fis bis c”’ reicht. Das Stück begin­nt und endet leise. Im Mit­tel­teil wird Flat­terzunge in der extrem hohen Lage und auch gestopftes Blasen vom Spiel­er ver­langt. Die Auf­führungs­dauer beträgt rund vier Minuten.
Gut vorstell­bar wäre es, das Stück in ein­er großen Konz­erthalle oder sog­ar in ein­er Kirche zu Gehör zu brin­gen, wo der Klang sich in der hal­len­den Akustik ent­fal­ten kann, oder – im Sinn Debussys – im Freien zu spie­len, wo die Töne „unbeschw­ert über den Wipfeln der Bäume schweben“ kön­nen.
Thomas Swartman