Beethoven, Ludwig van

Die Sinfonien

Rubrik: CDs
Verlag/Label: hr-musik.de hrmk 039-07, 5 CDs
erschienen in: das Orchester 06/2008 , Seite 66

Als Rundfunksinfonieorchester mit Beethoven eine Ära festhalten zu wollen, mag angesichts übermächtiger Konkurrenz äußerst gewagt erscheinen. Doch war es die Wiener Klassik, mit der Hugh Wolff 1997 bis 2006 den Klang des hr-Sinfonieorchesters entscheidend prägte. Gleich zu Beginn sei gesagt, dass Wolff und seine Frankfurter Musiker den Vergleich mit anderen historisch informiert ausgerichteten Dirigenten nicht zu scheuen brauchen. Reduziertes Streichervibrato, klappenloses Blech und hohe Durchhörbarkeit betonen Wolffs direkten und unsentimentalen Zugriff, mit dem er die Entwicklung des Sinfonikers Beethoven treffend nachzeichnet.
Charmant, flott, elegant beginnt er mit den ersten zwei Sinfonien, setzt angemessene, nicht übertriebene Akzente und bietet auch wunderbar lyrische Kantilenen, die auch die Spielfreude der Musiker vermitteln. Leider sind in der 2. Sinfonie die zweiten Violinen nicht völlig prägnant, doch dies beeinträchtigt den überaus erfreulichen Gesamteindruck nur unwesentlich. In der Dritten nimmt sich Wolff bezüglich der Tempi etwas zurück und bietet eine in den Akkordschlägen etwas spannungsarme Vierte. In den Sinfonien 5 und 6 scheint mir die Prägnanz der Piccoloflöte viele andere Einspielungen zu überbieten, dazu ist die Betonung der „böhmischen“ Harmonik der Holzbläser in der Sechsten ein ganz besonderer Bonus. Einer äußerst beachtlichen Siebten folgt eine Achte, mit der Wolff bereits die Brücke zu Brahms schlägt, mit einem wunderbar verhaltenen Allegretto scherzando und sorgfältig ausgeloteten antifonalen Effekten im Finale.
Während alle anderen Sinfonien im Studio eingespielt wurden, ist die Neunte ein Mitschnitt von zwei Aufführungen aus der Alten Oper in Frankfurt. Der historisch informierte Zugriff hilft dem Werk sehr, doch scheinen (hier mehr noch als in den vorhergehenden Sinfonien) die Holzbläser nicht ganz in dieses Konzept integriert und klingen gelegentlich fast „romantisch“. Ohnehin lässt Wolff im Verlauf des Werks das Ideal kammermusikalisch durchhörbaren Musizierens hinter sich (Mittelstimmen!) und verleiht der Sinfonie eine eher heroische Atmosphäre. Die brüllenden, gelegentlich leicht vulgär klingenden Blechbläser im Finale sind logische Konsequenz, die die monumentale Schlusswirkung ankündigen. Die Chöre des BR (Einstudierung Michael Gläser) und des NDR (Einstudierung Werner Hans Hagen) haben die Sinfonie unzählige Male musiziert, sind perfekt präpariert und nutzen alle ihnen zu Gebote stehenden Register. Ähnlich die Solisten – Dietrich Henschel mit warmem Bariton (nicht Bass, wie im Booklet steht), der metallisch-heldische Tenor Jorma Silvastis und die herbe, aparte Altstimme Natalie Stutzmanns, die dem Part ganz eigene Farbe verleiht. Auch Melanie Dieners runder, leider gelegentlich fast überforderter Sopran passt sich gut in Wolffs Gesamtkonzeption ein.
Leider befindet sich das Booklet nicht auf demselben Niveau wie die Einspielungen. Angesichts der überzeugenden musikalischen Leistungen wiegen solche Mängel äußerst gering, schließt doch Wolff in Momenten an die „analytisch“ ausgerichtete Interpretationsrichtung von René Leibowitz, Carlos Kleiber und Michael Gielen an und überbietet diese qualitativ sogar gelegentlich.
Jürgen Schaarwächter