Haydn, Joseph

Die sieben letzten Worte unseres Erlösers am Kreuze

In der Orchesterfassung mit zeitgenössischen Betrachtungen von Prof. Walter Jens

Rubrik: CDs
Verlag/Label: KuK 97
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 93

Nur mit weni­gen Werken hat Joseph Haydn bei seinen Zeitgenossen einen der­art großen Ein­druck hin­ter­lassen wie mit seinen Sieben let­zten Worten unseres Erlösers am Kreuze, ein­er Auf­tragskom­po­si­tion, deren Entste­hungs­geschichte trotz Haydns eige­nen Infor­ma­tio­nen lange Zeit unko­r­rekt dargestellt wurde. Das Opus war der­art erfol­gre­ich, dass der Kom­pon­ist gle­ich mehrere Fas­sun­gen davon anfer­tigte: neben der orig­i­nalen für Orch­ester, für die Kar­fre­itags­feier­lichkeit­en des Jahres 1787 im spanis­chen Cadiz geschrieben, eine weit­ere für Stre­ichquar­tett und eine für Soli, Chor und Orch­ester. Einen Klavier­auszug von fremder Hand autorisierte er außer­dem aus­drück­lich.
Zwei Neu­veröf­fentlichun­gen des Haydn-Werks sind nun auf den Markt gekom­men, wobei es sich bei der Ein­spielung der Ora­to­rien­fas­sung durch Frieder Bernius um eine Wiederveröf­fentlichung ein­er Inter­cord-Pro­duk­tion aus den 1980er Jahren han­delt. Der Kam­mer­chor Stuttgart, der heute zu den führen­den deutschen Chören zählt, beein­druckt auch in dieser älteren Ein­spielung mit einem homo­ge­nen und aus­ge­wo­ge­nen Klang, mit großer Textver­ständlichkeit und aus­drucksvoller Dar­bi­etung. Frieder Bernius geht die Par­ti­tur dabei keineswegs über­trieben drama­tisch an, son­dern eher flächig, mit bre­it­en Entwick­lun­gen und „sprechen­der“ Tex­taus­deu­tung. Er set­zt kla­gende und ankla­gende Akzente, aber auch kraftvolle, wenn es denn der Inhalt nahe legt. Das Würt­tem­ber­gis­che Kam­merorch­ester Heil­bronn erweist sich als sou­verän­er Begleit­part­ner, drängt sich nicht in den Vorder­grund, weiß aber in solis­tis­chen Momenten musikalisch präsent zu sein. Das Solis­ten­quar­tett passt sich in das Gesamtkonzept gut ein, wirkt aus­geglichen und inter­pretiert den Text schlicht, aber mit beredter Anteil­nahme.
Eine andere Welt eröffnet ein Livemitschnitt von den Klosterkonz­erten Maulbronn aus dem Jahr 2004: Hier musiziert die Bay­erische Kam­mer­phil­har­monie unter der Leitung von Alan Burib­ayev die orig­i­nale Orch­ester­ver­sion, ergänzt durch Lesun­gen von Wal­ter Jens. Dieser leit­et die einzel­nen Sonat­en jew­eils mit ein­er Med­i­ta­tion zu den Let­zten Worten ein: Es sind dabei keine Kurzpredigten, son­dern Texte, die den Bogen zur Aktu­al­ität span­nen und dur­chaus nach­den­klich machen. Die Bay­erische Kam­mer­phil­har­monie präsen­tiert sich als ein frisch auf­spie­len­des Kam­merorch­ester, das in trans­par­entem, nicht – wie oft zu hören – in soft­igem oder pas­tosem Klang die einzel­nen Sätze kon­trast- und span­nungsre­ich darzu­bi­eten ver­ste­ht. Alan Burib­ayev wählt zügige Tem­pi, lässt die Folge von langsamen Sätzen musikalisch nicht auf der Stelle treten. Scharfe Akzente und teils auch dur­chaus deftige Klänge würzen die CD, die mit ein­er ger­adezu ras­an­ten Erd­beben-Darstel­lung endet. Nur wenige Störg­eräusche und winzige inter­pre­ta­torische Beein­träch­ti­gun­gen erin­nern an den Livecharak­ter der Auf­nahme. Mit den von Wal­ter Jens ein­drucksvoll aus­ge­bre­it­eten Gedanken zu den Erlös­er-Worten ergibt die Auf­führung des Orch­esters eine span­nende Gesamtein­spielung.
Wolf­gang Birtel