Werke von Felix Mendelssohn Bartholdy, Richard Wagner und Robert Schumann
Die schöne Melusine-Ouvertüre op. 32/Ouvertüre & Bacchanale aus „Tannhäuser“, Vorspiel und „Isoldes Liebestod“ aus „Tristan und Isolde“ u. a.
Chamber Orchestra of Europe, Ltg. Nikolaus Harnoncourt
Wagner und Harnoncourt? Wagners unendliche Melodie auf der einen, Harnoncourts „Musik als Klangrede“ auf der anderen Seite? Diese Kombination hat man bisher noch nicht gehört. Zum zehnten Todestag des österreichischen Dirigenten ist nun ein ORF-Mitschnitt erschienen, der 1999 beim Festival Styriarte entstanden ist. Das Ergebnis begeistert.
Bei der Tannhäuser-Ouvertüre setzt Harnoncourt mit dem Chamber Orchestra of Europe auf ein fließendes Tempo, dynamische Differenzierung und große Durchsichtigkeit. Der Pilgerchor, der hier schon instrumental vorweggenommen wird, ist nicht mit Weihrauch umnebelt. Statt zu schleppen, schreitet er voran, ohne dabei an Ruhe zu verlieren. Harnoncourts Interpretation verliert sich nicht im Detail, sondern entwickelt große Bögen. Vibrato ist erlaubt, aber deckt nichts zu. Die Streicher lassen Platz für die Holzbläser. Schon die ersten Blitze des Venusbergs haben Leuchtkraft. Und auch das Bacchanale entfaltet durch die rhythmische Schärfung enorme Plastizität. Die Steigerungen sind wohldosiert.
Wie überhaupt Harnoncourt auf feinste dynamische Abstufungen achtet, kann man auch aus den Eintragungen seiner Partitur erkennen, die im Booklet über einen QR-Code abrufbar ist. Auch einige mündliche Kommentare von Nikolaus Harnoncourt zu den ausgewählten Werken kann man auf der CD nachhören. Bezüglich „Vorspiel und Liebestod“ aus Tristan und Isolde beschreibt er die chromatische Fortschreitung der Klänge und des fehlenden tonalen Zentrums als Weg in die Atonalität: „Mit diesem genialen Kunstgriff schildert er das totale Fehlen von Moral.“ Jedenfalls lässt sich das Chamber Orchestra of Europe unter Harnoncourt ein auf diesen Rausch, der sich in den überschlagenden Fieberwellen manifestiert. Auch hier sorgt eine gute Balance für Durchhörbarkeit bis ins Detail. „Mild und leise, wie er lächelt“, Isoldes Liebestod, hat in der Interpretation von Violeta Urmana genügend Raum. Dass bei dem Live-Mitschnitt nicht jeder Bläsereinsatz perfekt zusammen ist, trübt den begeisternden Gesamteindruck nicht.
Felix Mendelssohns Konzertouvertüre Das Märchen von der schönen Melusine und Robert Schumanns Requiem für Mignon mit dem homogenen Arnold Schönberg Chor (Einstudierung: Erwin Ortner) und einem überzeugenden Solistenensemble (Elisabeth Kulman, Kaya Last, Martina Steffl, Luise Gündel, Hiroyuki Ijichi) rahmen Wagners Musik ein. Besonders bei Mendelssohn arbeitet Harnoncourt mit Deutlichkeit in der Artikulation und agogischer Flexibilität. Diese Mischung aus Freiheit und Strenge sowohl bei Mendelssohn und Schumann als auch bei Wagner macht die Aufnahme besonders – und schlägt eine Brücke.
Georg Rudiger


