Kogler, Susanne / Andreas Dorschel (Hg.)

Die Saite des Schweigens

Ingeborg Bachmann und die Musik

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Steinbauer, Wien 2006
erschienen in: das Orchester 02/2007 , Seite 82

Inge­borg Bach­mann gilt als eine der bedeu­tend­sten deutschsprachi­gen Autorin­nen des 20. Jahrhun­derts. Ihre The­men fand die Öster­re­icherin in der Nachkriegszeit und in der Gesellschaft. Anfangs wollte sie Kom­pon­istin wer­den. Doch dann suchte sie ihre Aus­drucks­for­men in der Ver­mit­tlung von Sprache und Musik. Als sie an die Gren­ze zum Ver­s­tum­men gelangte – und damit an die Gren­ze der Welt –, wählte sie die Musik als Meta­pher für Unsag­bares und Mit­tel zur Tran­szen­denz, artikulierte sie so Sehn­süchte und Utopi­en.
Dass ihr Werk nach wie vor große Aktu­al­ität besitzt, belegte das Sym­po­sium „Wie Orpheus spiel ich auf den Sait­en des Lebens… Inge­borg Bach­mann und die Musik“, das die Uni­ver­sität für Musik und darstel­lende Kun­st Graz im April 2006 anlässlich des 80. Geburt­stags der Dich­terin ver­anstal­tet hat­te. Dankenswert schnell wur­den die Beiträge gedruckt: 15 pro­fil­ierte Autorin­nen und Autoren äußern sich mit geball­ter Kom­pe­tenz inter­na­tion­al und inter­diszi­plinär zum The­ma. Sie greifen neue Aspek­te auf, den Blick aus vie­len Winkeln aufs Ganze rich­t­end: die Gedichte, Libret­ti, Erzäh­lun­gen, Hör­spiele, Romane und Essays. Deren Beziehun­gen zur Musik und die der Musik angenäherte Struk­tur wer­den analysiert – „vom spez­i­fis­chen Ton der Lyrik, der Melodie der Text-Kom­po­si­tion bis zur Poly­fonie der Stim­men und ein­er Fülle von Anspielun­gen auf Musik sowie zu konkreten Musikz­i­tat­en in der späten Prosa“ (Susanne Kogler).
Die Auf­sätze „Tran­szen­denz in der Musik“ (Beethoven, Wag­n­er und Schön­berg) und „Zeit der Ariosi“ (Zusam­me­nar­beit mit Hen­ze) bün­deln das ein­drucksvoll. Aber die Autoren gehen auch den Schritt ins All­ge­meine und the­ma­tisieren das Sprechen über Musik als vorantreiben­des Moment der europäis­chen Musikgeschichte eben­so wie die Rezep­tion zeit­genös­sis­ch­er Werke. Die Titel von Sym­po­sium und Buch sind der Dialek­tik von Leben und Tod in Bach­manns Schaf­fen verpflichtet, sie markieren jenes Span­nungs­feld zwis­chen Schweigen und Hoff­nung, dem sie sich lebenslang aus­ge­set­zt fühlte und dem sie nicht entkam.
Der erste Teil erhellt die philosophis­chen Grund­la­gen von Bach­manns Denken: Wittgen­stein, Adorno, Bloch, Pla­ton, die antike Mytholo­gie, die Musikäs­thetik der Frühro­man­tik. Die Musik als Meta­pher, die Musikalisierung der Sprache. Der zweite Teil analysiert die Rezep­tion ihrer Dich­tung. Per­sön­liche Kon­tak­te spie­len dabei eine Rolle – vor allem die zwei Jahrzehnte währende Fre­und­schaft zu Hans Wern­er Hen­ze: ihre geistige Ver­wandtschaft und gemein­samen Werke, die divergieren­den Ansicht­en über die gesellschaftliche Funk­tion der Kun­st. Doch eben­so ihr Ein­fluss auf Kom­pon­is­ten (Lui­gi Nono, Gia­co­mo Man­zoni, Moritz Eggert, Adri­ana Höl­szky) und Maler (Anselm Kiefer).
Das Ver­di­enst des anre­gen­den Buchs ist es, die Rät­sel Bach­manns weit­er entschlüs­selt und gedeutet zu haben. Der ambiva­len­ten Dich­terin ist nicht leicht beizukom­men, sie entzieht sich immer, obwohl sie Gemein­schaft suchte: „Die Leute wis­sen schon, dass man miteinan­der auskom­men muss. Ich habe es wieder erlernt, aber ich gebe auch zu, wenn die Tür zufällt zu dem Zim­mer, in dem ich arbeite, dann gibt es keinen Zweifel: Denken ist solitär. Allein­sein ist eine gute Sache.“
Eber­hard Kneipel