Mehta, Zubin

Die Partitur meines Lebens

Erinnerungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Droemer, München 2006
erschienen in: das Orchester 10/2006 , Seite 92

Zubin Mehta hat ein eben­so ver­ständlich­es wie pro­fanes Prob­lem: Zu dem Unter­fan­gen, das eigene Leben zu beschreiben, sich gewis­ser­maßen zum Maßstab sein­er selb­st zu machen, musste er erst überre­det wer­den. Natür­lich hat er let­z­tendlich zuges­timmt. Mehta gehört zu jenen Auto­bi­ografen, die der eige­nen Ver­gan­gen­heit unver­mutet ratio­nal begeg­nen; die die zurück­liegen­den Jahre vor allem beru­flich, mit Blick auf die Pro­fes­sion inter­pretieren und nur sel­ten Pri­vates offen­baren, obgle­ich man mit Ver­laub als über­aus promi­nent gilt.
Zubin Mehta weiß es bess­er: Seine Bekan­ntschaft mit Schaus­piel­ern wie Gre­go­ry Peck, Sophia Loren, Yves Mon­tand oder Dan­ny Kaye soll­ten nicht zu der Annahme ver­leit­en, dass es ihm auf Glam­our ankomme, son­dern vielmehr, dass er es schätzt, wenn ein Men­sch seine Pop­u­lar­ität mit einem guten Zweck oder einem wichti­gen Pro­jekt verbindet. Dabei kann Mehta auf ein außergewöhn­lich­es Leben zurück­blick­en. Der am 29. April 1936 in ein hochmusikalis­ches Eltern­haus geborene Inder, der eine behütete Kind­heit erlebte, lernte nur langsam, aber doch zwangsläu­fig die Welt der Tondich­tung ken­nen. Nach zwei Semes­tern Medi­zin fiel die Entschei­dung, Musik zur Leben­sauf­gabe zu machen. Der Rest ist beina­he Geschichte: Lehr­jahre in Wien, Dirigiereleve in der Meis­terk­lasse von Hans Swarowsky; Mehta gewin­nt einen Dirigier­wet­tbe­werb in Liv­er­pool, wird John Pritchards Assis­tent – der Auf­takt ein­er ras­an­ten Kar­riere. Mehta kommt nach Mon­tre­al, wird in Los Ange­les engagiert, in New York, Flo­renz, wird für das Israel Phil­har­mon­ic Orches­tra tätig. Seit 1998 bis zum Saiso­nende 2006 arbeit­et er als Münch­en­er Gen­eral­musikdi­rek­tor. Ein Stardiri­gent, zumal ein­er der bedeu­tend­sten Orch­ester­leit­er weltweit.
Als Autor ste­ht er in der Tra­di­tion nüchtern reflek­tieren­der Skriben­ten, die das Schreiben ernst nehmen, aber – ganz beschei­den – von all zu viel Spek­takel Abstand hal­ten. In seinem Erin­nerungs­buch, das anlässlich des 70. Geburt­stags erschienen ist und das den pathetis­chen Titel Die Par­ti­tur meines Lebens trägt, spin­nt Mehta die feinen Fäden aus Zufall und Tal­ent zu einem imposan­ten Textgewebe. Er fol­gt der Chronolo­gie der Ereignisse, um diese zu ver­lassen, wenn es etwa um musikalis­che Fre­unde, Ein­flüsse, Begeg­nun­gen geht, also um das, was ein Dasein let­zten Endes kom­plet­tiert.
Inter­es­sant sind ins­beson­dere jene Teile, in denen Mehta für die Erneuerung der musikalis­chen Land­schaft plädiert, davon schreibt, dass wir nach neuen Wegen suchen müssen, um auch neuere Gen­er­a­tio­nen in die Oper und ins Konz­ert zu brin­gen, darin indes recht vage bleibt. Ander­er­seits sin­niert Mehta über die Kun­st des Dirigierens, des Inspiri­erens. Zuwen­dung! Zuhören! Ein­füh­lung! Mehta empfind­et sich als Koor­di­na­tor, als Mah­nen­der, als Mit­spiel­er, bisweilen auch als Despot – allerd­ings im Sinne „kon­trol­liert­er Organ­isiertheit“. Hier kommt Zubin Mehtas Sehn­sucht nach, aber auch sein Glaube an den einen Klang eines Orch­esters zum Aus­druck, den er ein ganzes erstaunlich­es Leben lang sucht. Von dieser Suche han­delt sein Buch haupt­säch­lich.
Oliv­er Ruf