Lüke, Corinna

Die Onlinepräsenzen deutscher Kulturorchester

Eine Bestandsaufnahme

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Institut für musikpädagogische Forschung, Hannover 2015
erschienen in: das Orchester 04/2016 , Seite 66

Immer wieder wur­den in den ver­gan­genen Jahren Vorzeige­pro­jek­te für dig­i­tale Orch­ester­ar­beit präsen­tiert. Ob nun das per­ma­nent wach­sende Ange­bot der Dig­i­tal Con­cert Hall der Berlin­er Phil­har­moniker oder die Online-Bil­dungsange­bote der Deutschen Staat­sphil­har­monie Rhein­land-Pfalz in Lud­wigshafen: Man möchte den Ein­druck bekom­men, dass die deutschen Orch­ester endlich gemerkt haben, welch enormes Poten­zial die Online-Kom­mu­nika­tion mit ihren Anspruchs­grup­pen beherbergt. Doch wie ste­ht es eigentlich um die bre­ite Masse der deutschen Orch­ester? Wie präsen­tieren sie sich im Inter­net, welche Online-Ange­bote wer­den gemacht, mit welch­er Zielset­zung und vor allem mit welchen Erfol­gen?
Die freie Jour­nal­istin Corin­na Lüke arbeit­et unter anderem für die NDR Radio­phil­har­monie in Han­nover. Sie unter­suchte für ihre Schrift “Die Onlinepräsen­zen deutsch­er Kul­tur­orch­ester” die Online-Präsen­zen von 124 Orch­estern und zeigt damit neben all den Good- und Best-Prac­tice-Beispie­len dieser Tage erst­mals in Gänze auf, was in der Online-Kom­mu­nika­tion von deutschen Orch­estern als Stan­dard gilt.
Ihrer Studie stellt die Autorin eine umfassende the­o­retis­che Ein­führung voran, in der sie ihre Forschungs­frage in die derzeit­i­gen his­torischen und kul­tur­poli­tis­chen Diskurse einord­net und die Grund­la­gen von Pub­lic Rela­tions (PR, deutsch: Öffentlichkeit­sar­beit) für Orch­ester­be­triebe umreißt. Dabei nutzt sie ins­beson­dere die Arbeit­en von Dominik Ruisinger zur Online-PR von Wirtschaft­sun­ternehmen als the­o­retis­chen Grund­stock. Als Online-Präsenz ver­ste­ht Lüke die Inter­net­seit­en der Orch­ester, die sie als zen­trales Kom­mu­nika­tion­s­medi­um in den Mit­telpunkt ihrer Forschung rückt und hin­sichtlich ihrer Infor­ma­tions-, Ser­vice-, Dia­log- und Unter­hal­tungsange­bote unter­sucht. Dabei offen­bart sich, dass Orch­ester vor allem mit infor­ma­tiv­en Inhal­ten (Spielplan, Ter­mine usw.) ihre Ziel­grup­pen erre­ichen möcht­en. Die Auftritte sind jedoch häu­fig so text­lastig und ein­seit­ig, dass kein Besuch­er lange gehal­ten wird. Auch in den von Lüke unter­sucht­en Bere­ichen Ser­vice und Unter­hal­tung gibt es teils enorme Defizite: Audio­vi­suell oder gar unter­halt­sam präsen­tieren sich die Kul­tur­orch­ester im Inter­net in der Regel nicht. Inter­es­sant ist jedoch vor allem die Art, wie Orch­ester in den Online-Dia­log mit ihren Ziel­grup­pen treten, näm­lich entwed­er gar nicht oder über­raschend offen und fortschrit­tlich.
Corin­na Lüke zeigt mit ihrer Arbeit, dass es im Jahr 2016 mehr Ein­satz erfordert, um im Inter­net als mod­ern­er Orch­ester­be­trieb wahrgenom­men zu wer­den. Zwar gibt es vere­inzelt gute Ideen und in der Bre­ite ein halb­wegs pro­fes­sion­al­isiertes Auftreten der Orch­ester, doch um in der Kom­mu­nika­tion mit ihren Ziel­grup­pen nicht noch weit­er den Anschluss zu ver­lieren, müssen Orch­ester umfassend in ihrer Online-PR umdenken und endlich in Bewe­gung kom­men. Das Buch von Corin­na Lüke kann dabei eine wichtige Hil­festel­lung leis­ten, indem es bei der Annäherung an das The­ma Online-PR unter­stützt und sin­nvolle Denkan­sätze bietet.
Tim Spo­towitz