Dobberstein, Marcel

Die Natur der Musik

Systemische Musikwissenschaft Band 8, hg. von Jobst Fricke

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Peter Lang, Frankfurt am Main 2005
erschienen in: das Orchester 07-08/2006 , Seite 84

Auch Kunst­wissenschaften haben ihre Mod­en. 1948 glaubte etwa der zu sein­er Zeit ein­flussre­iche schweiz­erische Lit­er­atur­wis­senschaftler und ‑his­torik­er Emil Staiger kon­sta­tieren zu kön­nen, dass „wohl die Blüte ein­er nur his­torischen Forschung vor­bei“ sei. Ihm schwebte eine anthro­pol­o­gis­che Fundierung der Lit­er­atur­wis­senschaft vor. Er wollte zeigen, „wie das Wesen des Men­schen im Bere­ich des dich­ter­ischen Schaf­fens erscheint“. Staigers Pro­gramm haben in der Musik­wis­senschaft Forsch­er wie Friedrich Blume, Hein­rich Bessel­er oder Wal­ter Wio­ra auf ihre Art ver­fol­gt, ohne sich direkt auf Staiger zu berufen. Bei Blume etwa ver­band sich jedoch seine Bes­tim­mung des „Wesens“ von Musik mit Attack­en gegen die Neue Musik der 1950er Jahre, die eine heftige Gegen­polemik her­aus­forderten. Darüber wur­den die Ver­suche, die Auf­fas­sung von Musik anthro­pol­o­gisch zu fundieren, völ­lig ins ide­ol­o­gis­che Abseits gedrängt. Und unter dem mächti­gen Ein­fluss Adornos set­zte sich dann die genau gegen­teilige, „geschicht­sphilosophisch“ fundierte These durch, nach der Musik durch und durch geschichtlich sei. Das musikalis­che Hören etwa habe sich nach dieser Auf­fas­sung nach der jew­eils kom­ponierten Musik zu richt­en, der das men­schliche Hören, wie immer es auch bes­timmt wer­den mag, dur­chaus auch grund­sät­zlich nicht gewach­sen sein könne. Keines­falls dürfe sich die zu kom­ponierende „autonome“ Musik von Fähigkeit­en men­schlichen Hörens gän­geln lassen.
Mit dem rapi­de schwinden­den Ein­fluss adornoschen Musik­denkens und dem kläglichen Scheit­ern der emphatisch Neuen Musik – nie­mand will sie wirk­lich hören – ist auch wieder die Nei­gung gewach­sen, die Auf­fas­sung von Musik anthro­pol­o­gisch zu fundieren. Eine tem­pera­mentvoll vor­ge­tra­gene anthro­pol­o­gis­che Fundierung der Musik fordert nun Mar­cel Dob­ber­stein in seinem Buch Die Natur der Musik; und diese Forderung führt dann auch kon­se­quent zu ein­er hefti­gen Kri­tik der Neuen Musik. Nach Dob­ber­stein blieb doch tat­säch­lich bis­lang unerkan­nt, „daß die Konzepte der Avant­garde des musikalis­chen Sinns ent­behren, da ihnen der Rück­bezug auf die leib­seel­is­che Basis musikalis­chen Hörens fehlt“. Und weit­er: „Das heute vorherrschende Musik­denken, das Schön­bergs, das von The­o­retik­ern wie Carl Dahlhaus und Hans Hein­rich Egge­brecht, bedarf grundle­gen­der Revi­sion.“
Nach Dob­ber­steins Kri­tik wird im gegen­wär­tig vorherrschen­den Musik­denken der hörende, ver­ste­hende und ler­nende Men­sch aus­ge­blendet. Für Dob­ber­stein ist eine „autonome Musik“, die nur sich selb­st genügt, ein Und­ing; es kann sie nach sein­er Mei­n­ung nicht geben. Musik müsse immer als die Musik des Men­schen ver­standen wer­den, und die wach­sende Ein­sicht in die Natur des Men­schen befördere zugle­ich die Erken­nt­nis des Wesens der Musik.
Obwohl Dob­ber­stein offen­sichtlich weit geöffnete Türen ein­tritt, wirkt sein Ansatz viel ver­sprechend und man möchte sich in die Lek­türe sein­er Arbeit in der Hoff­nung stürzen, fundierte Auf­schlüsse über musikalis­che Grund­prob­leme zu erhal­ten, zu denen jed­er, der sich ern­sthaft mit Musik befasst, Stel­lung beziehen muss.
Doch ist Dob­ber­steins Text sprach­lich-stilis­tisch ein fürchter­lich­es Fiasko. Der Autor besitzt über­haupt kein Sprachge­fühl; besten­falls ahnt man, was er meinen kön­nte. Beispiele? Bitte: „Anachro­nis­mus zu sein und als Aus­druck ein­er seicht­en Lieb­haber­schaft intra muros zu gel­ten, heißt die Folge jed­we­den Reflex­ionsverzichts. Und Resisten­zschwäche ist die Kon­se­quenz, weil im Fun­da­ment nicht oder pseudo­ge­fes­tigt wie ander­er­seits mit­teilung­sun­fähig für den Import und Export von Wis­sen in den Raum, dem man ange­hören muß, dem der Wis­senschaften. Jene Hal­tung selb­st ist es, die der Abgrabung der Fach­sub­stanz das Tor öffnet.“ (S. 55 f.) So geht’s 371 Seit­en lang.
Gisel­her Schubert