Schönberg, Arnold

Die Jakobsleiter / Friede auf Erden

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Harmonia mundi France 801821
erschienen in: das Orchester 11/2004 , Seite 87

Nach sein­er infolge der wenig überzeu­gen­den Sänger­auswahl etwas zwiespältig aus­ge­fal­l­enen Ein­spielung von Beethovens Chris­tus am Ölberg hat Kent Nagano bei sein­er zweit­en Auf­nahme für sein neues Label Har­mo­nia mun­di France (Ver­trieb Helikon Har­mo­nia Mun­di) einen weitaus besseren Griff getan. Denn Nagano, dessen Kom­pe­tenz für die Musik der ersten Hälfte des 20. Jahrhun­derts sich schon zuvor in eini­gen gelun­genen Ein­spielun­gen gezeigt hat, kann bei Schön­bergs unvol­len­de­tem Ora­to­ri­um Die Jakob­sleit­er, dem er Friede auf Erden in der Chor- und Orch­ester­ver­sion sozusagen als Vor- und Nach­spiel beigegeben hat, sein ganzes Kön­nen zeigen.
Die Jacob­sleit­er, von Schön­bergs Schüler Win­fried Zil­lig auf Wun­sch von Schön­bergs Witwe nach dem Par­ti­cell zu ein­er Auf­führungs­fas­sung aus­gear­beit­et, gehört wie Moses und Aron, mit dem die Jacob­sleit­er nicht nur bei der The­matik Berührungspunk­te hat, zu den Schlüs­sel­w­erken des Kom­pon­is­ten, die Frag­ment blieben.
Schön­berg, der den Text zu dem Ora­to­ri­um selb­st ver­fasste, beschäftigte sich 1917 inten­siv mit der Kom­po­si­tion. Durch den Kriegs­di­enst unter­brochen, begann er sich bis 1922 erneut mit ihr zu befassen, ohne jedoch noch mehr als das „Sym­phonis­che Zwis­chen­spiel“ kom­ponieren zu kön­nen, das den ersten und den nicht mehr aus­ge­führten zweit­en Teil verbinden sollte. Spätere Anläufe Schön­bergs zur Vol­len­dung der Jakob­sleit­er kamen über Ansätze nicht hin­aus. Schön­bergs religiös­es Rin­gen, die aus unter­schiedlichen Quellen (der sehr gute Book­let­text gibt hier genaue Auskun­ft) gespeiste Vorstel­lung ein­er die gesamte Men­schheit umfassenden Reli­gion ist die Grund­lage eines sein­er faszinierend­sten Werke, bei dem er einen bedeu­ten­den Schritt hin zur Ausar­beitung sein­er Kom­po­si­tion­sweise „mit zwölf nur aufeinan­der bezo­ge­nen Tönen“ tat. Man kann die Jakob­sleit­er dur­chaus als eine Vorstufe des dodeka­fo­nen Prinzips sehen.
Nun ist Nagano glück­licher­weise kein rein­er Ana­lytik­er am Pult. Mit dem bestens vor­bere­it­et wirk­enden Deutschen Sym­phonie-Orch­ester Berlin gelingt ihm eine far­bre­ich-expres­sive Wieder­gabe, die der Größe und dem Aus­drucks­ge­halt der Musik immer gerecht wird. Spiel­tech­nisch ist das Orch­ester den hohen Anforderun­gen – Zil­lig entsch­ied sich für eine Beset­zung wie beispiel­sweise bei Mahlers Sin­fonien – stets gewach­sen. Dies gilt auch für den von Simon Halsey geleit­eten Rund­funk­chor Berlin, der den hohen und stilis­tisch sehr unter­schiedlichen Anforderun­gen nicht zulet­zt Dank der vokalen Qual­itäten der Sänger und Sän­gerin­nen immer gerecht wird.
Ein besseres Händ­chen als bei der ange­sproch­enen Beethoven-Ein­spielung hat­te Nagano auch bei der Auswahl sein­er Solis­ten. Die Tenöre Jonas Kauf­mann, Stephan Rügamer und Kurt Azes­berg­er, Michael Volle und James John­son (bei­de Bari­ton) sowie die Sopranistin­nen Salomé Kam­mer und Hei­di Meier bilden ein auf hohem Niveau agieren­des, charak­ter­isierungssicheres Solis­te­nensem­ble. Im Vorder­grund ste­ht aber der Bari­ton Diet­rich Hen­schel als Gabriel. Seine Qual­itäten als Lied­sänger kom­men hier eben­so zum Tra­gen wie seine Erfahrung mit der Oper des frühen 20. Jahrhun­derts. Eine gestal­ter­isch und sän­gerisch abso­lut überzeu­gende Leistung.
Wal­ter Schneckenburger