Schreker, Franz

Die Gezeichneten

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: EuroArts 2055298
erschienen in: das Orchester 09/2007 , Seite 89

Immer wieder gab es wichtige, musikalisch eben­so hochkarätige wie inszena­torisch vielschichtige Ansätze, Franz Schrek­ers Die Geze­ich­neten wieder im Reper­toire zu ver­ankern. Die Aufze­ich­nung der Salzburg­er Insze­nierung aus dem Jahr 2005 ist nun auf ein­er überzeu­gen­den DVD erschienen.
Niko­laus Lehn­hoff hat das Werk für die Salzburg­er Fest­spiele mit seinem Büh­nen­bild­ner Raimund Bauer von der Renais­sance näher an die Gegen­wart herange­holt, ohne sich dabei auf ober­fläch­liche Mod­ernis­men einzu­lassen. Aus dem verkrüp­pel­ten Alviano Sal­va­go, der sich nach Liebe sehnt und in sein­er Sucht nach Schön­heit eine Art verza­uberte Insel geschaf­fen hat, die aber von der dekaden­ten höfis­chen Män­nerge­sellschaft als Ort von Orgien entwei­ht wird, wird bei Lehn­hoff ein Mann, der sich gerne in Frauen­klei­dern zeigt, ein Trans­vestit. Der Außen­seit­er in ein­er bru­tal­en Macho-Welt ver­liebt sich in die kranke Malerin Car­lot­ta, die ihn malt, sich aber von ihm abwen­det, nach­dem er ver­sucht, seine Außen­seit­er­rolle zu über­winden, und sich statt Alvianos dem vir­il-gewalt­täti­gen Tamare hin­gibt.
Für die Salzburg­er Felsen­re­itschule schuf Bauer eine gewaltige liegende Frauen­skulp­tur, die sich am berühmten Skulp­turen­garten von Bomar­zo ori­en­tiert. Lehn­hoff lässt seine Sänger in dieser sehr intel­li­gen­ten, auf vorder­gründi­gen Schock verzich­t­en­den Regie auf dem Frauen­leib agieren. So gelin­gen ihm, auf dieser DVD sehr nach­drück­lich aufgeze­ich­net, Bilder von großer Ein­dringlichkeit. Die Diskrepanz zwis­chen dem Wun­schtraum Alvianos und der bru­tal­en Entwei­hung durch die vergnü­gungssüchti­gen Adli­gen, die die Bürg­ertöchter schän­den, die Gegen­sätze von Liebe und Trieb, von Kun­st und Natur, von Renais­sance-Ide­alen und dem Hor­ror der von Krieg zer­störten Gegen­wart bleibt bei Lehn­hoff vir­u­lent.
In Kent Nagano hat der Regis­seur einen kon­ge­nialen Part­ner am Pult des exzel­len­ten Deutschen Sym­phonie-Orch­esters Berlin gefun­den. Sub­til und im näch­sten Moment mächtig auftrumpfend gelingt es Nagano, Schrek­ers har­monisch verästelte, immer wieder zur Auflö­sung der Tonal­ität drän­gende Musik in all ihren Schat­tierun­gen, ihrem lux­u­riösen Klan­grausch eben­so wie in ihrer Wirkungsmächtigkeit zu gestal­ten.
Dazu ver­fügt die Salzburg­er Auf­führung über eine her­vor­ra­gende Beset­zung. Robert Bruback­ers zu held­is­chen Auf­schwün­gen eben­so wie zu genauer Charak­ter­isierung fähiger Tenor ist nahezu ide­al für Alviano Sal­va­go. Die Car­lot­ta der Anne Schwanewil­ms prof­i­tiert eben­so von der Dif­feren­zierungs­fähigkeit ihres Soprans wie dem Schön­klang der Stimme. Michael Volle singt Alvianos Gegen­spiel­er Tamare mit Viril­ität und Sicher­heit, Wolf­gang Schöne ist ein ein­drucksvoller Lodovi­co Nar­di, Robert Hale als Her­zog Adorno ste­ht ihm da schon deut­lich nach. Auf nahezu eben­so hohem Niveau agiert das weit­ere Ensem­ble und die Konz­ertvere­ini­gung Wiener Staat­sopern­chor (Chor­leitung: Rupert Huber). Eine gelun­gene DVD-Pro­duk­tion, bei der nur neg­a­tiv anzumerken ist, dass lei­der zu viele Tak­te für die Auf­führung gekürzt wur­den.
Wal­ter Schneckenburger