Peter Sühring, Peter

Die frühesten Opern Mozarts

Untersuchungen im Anschluss an Jacobsthals Straßburger Vorlesungen

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel 2006
erschienen in: das Orchester 07-08/2007 , Seite 76

So unüber­schaubar die Flut der Veröf­fentlichun­gen zum ver­gan­genen Mozart-Jahr ist, so über­schaubar blieb zumeist der Erken­nt­niswert viel­er Neuer­schei­n­un­gen, die sich allzu oft nur in der Para­phrasierung von Bekan­ntem ergin­gen. In dop­pel­ter Hin­sicht macht Peter Sührings Arbeit zu den früh­esten Opern Mozarts hier eine Aus­nahme. Ein­er­seits ist das frühe musik­drama­tis­che Schaf­fen des späteren Meis­ters der Wiener Klas­sik bis­lang entwed­er fast voll­ständig negiert oder häu­fig nur pauschal behan­delt wor­den, ander­er­seits macht der Autor teil­weise den bis­lang der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Berlin­er Nach­lass des Straßburg­er Musik­wis­senschaftlers Gus­tav Jacob­sthal zugänglich. Dieser hat schon in seinen Straßburg­er Vor­lesun­gen aus den 1880er Jahren, die Sühring hier zumin­d­est auszugsweise vorstellt, einen unge­wohnt dif­feren­zierten Zugang zu den Kom­po­si­tio­nen des jun­gen Mozart präsen­tiert.
Sühring führt in sein­er als Pro­mo­tion an der Saar­brück­er Uni­ver­sität vorgelegten Arbeit aus, dass den früh­esten musik­drama­tis­chen Arbeit­en Mozarts mehrheitlich keine kün­st­lerische Eigen­ständigkeit bescheinigt wird: Von Her­man Abert, Alfred Ein­stein hin zu Anna Amalie Abert wird diese These zumeist ohne aus­führliche Begrün­dung vertreten.
Der Autor befasst sich mit den Opern, die der elf- und zwölfjährige Wolf­gang kom­ponierte, sowie dem szenis­chen Ora­to­ri­um Die Schuldigkeit des ersten Gebotes, dem lateinis­chen Inter­medi­um Apol­lo et Hyacinthus, der Operette Bastien und Basti­enne sowie der Opera buf­fa La fin­ta sem­plice neb­st den ersten Arien­ver­suchen. Bei dieser die Gat­tungs­gren­zen sin­nvoll über­schre­i­t­en­den Unter­suchung kann Sühring immer wieder auf Hin­weise Jacob­sthals zurück­greifen, die er weit­er­führt, ver­i­fiziert oder entschei­dend ergänzt. Sühring lehnt den zumeist üblichen Blick rück­wärts von den späten Meis­ter­w­erken auf das Früh­w­erk ab, der die Werke der Jugendzeit nur als notwendi­ge Durch­gangssta­di­en ohne beson­deren eige­nen Wert zur Ken­nt­nis nimmt. Vielmehr unter­sucht er detail­re­ich, mit welchen Mit­teln der junge Mozart zur Drama­tisierung sein­er Textvor­la­gen gelangt.
So sieht Sühring in der Durch­brechung der schon früh vorhan­de­nen kom­pos­i­torischen Rou­tine die Fähigkeit des jun­gen Kün­stlers, dif­feren­ziert auf seine Vor­la­gen zu reagieren, als erste Aus­prä­gung eines Per­son­al­stils. Der frühe Drang zur Oper, der hier überzeu­gend kon­sta­tiert wird, scheint Mozart ein inneres Anliegen, nicht von äußeren Umstän­den Erzwun­ge­nes gewe­sen zu sein. Sühring kommt dabei dank sein­er genauen Analyse des Wort-Ton-Ver­hält­niss­es zu erstaunlichen Erken­nt­nis­sen, die die Indi­vid­u­al­ität des frühen drama­tis­chen Schaf­fens von Mozart unter­stre­ichen. So kann er auch die vorherrschende Mei­n­ung, das Kind Mozart habe das emo­tionale Phänomen der Liebe gar nicht erfassen und höch­stens der Kon­ven­tion gehorchend ver­to­nen kön­nen, eine Absage erteilen.
Die Genauigkeit und das Infragestellen von Tradiertem machen den Reiz dieser Arbeit aus, die für manche Diskus­sion sor­gen dürfte.
Wal­ter Schneckenburger