Mozart, Wolfgang Amadeus

Die Bäsle-Briefe

Interpretiert von Gerti Drassl, inszeniert von Christoph Frühwirth

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Bibliophile Edition BE 02B
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 83

Geschmack­sache, diese Bäsle-Briefe! Und gemeint sind nicht die Mozart’schen Briefe an sich. Längst hat die Musik­forschung diese Doku­mente über­bor­den­den Witzes und Kla­mauks, diese Ansamm­lung von Banal­itäten wie gele­gentlich ern­sthafteren Infor­ma­tio­nen, dieses „Kom­pendi­um“ von Fäkalsprache und Analerotik in den his­torischen Kon­text der Mozart-Zeit gerückt. Und längst ist die Derb­heit der Kraftaus­drücke als etwas dur­chaus Nor­males dama­li­gen gesellschaftlichen Umgangs und als etwas keineswegs Mozart-Orig­inäres entschlüs­selt wor­den.
Nein, Geschmack­sache ist diese DVD, die den Mitschnitt ein­er Pro­duk­tion des „Mon­odra­mas Reins­berg“ präsen­tiert: Christoph Früh­wirth hat in der Bur­gare­na des niederöster­re­ichis­chen Ortes Reins­berg die berühmten Bäsle-Briefe erst­mals drama­tisiert, als Ein-Per­so­n­en-Stück auf die Bühne gebracht. Da, wo son­st Mozarts Opern aufge­führt wer­den, rez­i­tierte Ger­ti Drassl die Textdoku­mente des großen Kom­pon­is­ten. Wobei der Begriff des „Rez­i­tierens“ für diese Büh­nen­darstel­lung eigentlich fehl am Platze ist. Denn die Darstel­lerin, Absol­ventin des Max Rein­hardt Sem­i­nars und Nestroy-Preisträgerin, erlebt und durch­lebt die Briefe auf der Bühne.
Christoph Früh­wirth hat das Umfeld – nicht die Doku­mente selb­st! – der Mozart’schen Texte aktu­al­isiert: Er ver­legt seine Insze­nierung in die „Sev­en­ties“, wo ein Groupie, genan­nt „Bäsle“, im Par­tykeller die Erin­nerung an eine gemein­same Zeit mit dem Rock­musik­er Amadeus auf­frischt und Kas­set­ten abhört bzw. das über Kopfhör­er Gehörte vorträgt. Ob der alten Emo­tio­nen gerät sie ins Schwär­men, steigert sich in diesen Erin­nerun­gen bis ins Exaltierte und legt ihr See­len­leben auf der Bühne bloß.
Ger­ti Drassl ver­mag diese Bäsle-(Kunst)Figur grandios auf der kleinen Bühne der Bur­gru­ine lebendig wer­den zu lassen, alle Höhen und Lei­den­schaften dem Pub­likum nahe zu brin­gen, mal Kau­gum­mi kauend oder einen Joint rauchend, Mozarts Briefe still vor­tra­gend, oder über­dreht, in gewalti­gen Wort-Stac­cati und Sprach-Erup­tio­nen ins The­ater hinein­schreiend. Von der Bühne, deren Ausstat­tung sich auf Kas­set­ten­recorder und ein Ensem­ble aus Laut­sprecher­box­en beschränkt, bricht sie immer wieder aus und ver­legt ihre Dar­bi­etung stel­len­weise ins Pub­likum. Ein paar Licht­ef­fek­te der Insze­nierung lock­ern den großen Monolog auf.
Mit ihren Wort­spiel­ereien und ihrer Drastik, ihrem Kla­mauk und ihrer merk­würdi­gen Mis­chung aus ver­steck­ter wie offen­er sex­ueller Annäherung an die Cou­sine Maria Anna Thekla, der Tochter von Mozarts Onkel Franz Alois, kom­men Mozarts Briefe natür­lich ein­er Büh­nen­darstel­lung, ein­er „Insze­nierung“ ent­ge­gen. Hier hat Christoph Früh­wirth die Texte überzeu­gend auf die Bühne gebracht und hier hat vor allem Ger­ti Drassl eine imponierende schaus­pielerische Leis­tung abgeliefert – sie bietet großes The­ater auf klein­er Bühne. Die Bib­lio­phile Edi­tion hat den Mitschnitt pro­fes­sionell, ohne modis­chen Mak­ing-Off- und Spe­cial-Schnickschnack auf eine DVD geban­nt. Nur darf man keine his­torische Einord­nung, Erläuterung und Kom­men­tierung dieser Bäsle-Briefe erwarten, der Mozart-Doku­mente, die bis vor nicht allzu langer Zeit noch tabu waren. Es ist eben keine Rez­i­ta­tion, son­dern eine Insze­nierung der Texte. Dass das Eigen­tüm­liche, nur heute so Schock­ierende der Sprache in die Neuzeit verpflanzt, damit im neuen Kon­text ihrer „Nor­mal­ität“ beraubt wurde, ist das Zwiespältige des ganzen Pro­jek­ts – Geschmack­sache eben.
Wolf­gang Birtel