Weill, Kurt

Die 7 Todsünden / Quodlibet op. 9 aus der Pantomime “Zaubernacht” op. 4

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Hänssler 93.109
erschienen in: das Orchester 03/2005 , Seite 85

1933 schufen Bertolt Brecht und Kurt Weill im Paris­er Exil als Auf­trag von Georges Bal­an­chine ihr let­ztes Gemein­schaftswerk Die sieben Tod­sün­den. Die junge Anna wird von ihrer Fam­i­lie für sieben Jahre in die großen Städte Amerikas geschickt, um Geld für ein kleines Eigen­heim in Louisiana zu ver­di­enen – eine bit­tere Satire auf die klein­bürg­er­liche Dop­pel­moral, die unmoralis­ches Ver­hal­ten zugun­sten des materiellen Vorteils fordert. Die mit­te­lal­ter­lichen sieben Tod­sün­den (Faul­heit, Stolz, Zorn, Völlerei, Unzucht, Hab­sucht und Neid) wer­den pos­i­tiv umgedeutet als jene berechtigten men­schlichen Bedürfnisse, die sich der Spießbürg­er nicht erlaubt. Anna ist in diesem Bal­let chan­té eine ges­pal­tene Per­sön­lichkeit: die Sopranistin Anna I das vernün­ftige Gewis-sen, Anna II die zur Ware degradierte Tänz­erin, die zu allem nur „Ja, Anna“ sagt. Die Fam­i­lie singt ein Män­nerge­sangsquar­tett, nach dem Mot­to „Müßig­gang ist aller Laster Anfang“.
Diese neue CD des SWR Rund­funko­rch­esters Kaiser­slautern unter der Leitung seines Chefdiri­gen­ten Grze­gorz Nowak bringt Die sieben Tod­sün­den auf den vor allem von Bläsern und Klavier geprägten Punkt. Mit nur dem nötig­sten Ruba­to leucht­en der weit­er­en­twick­elte Songstil und die kun­stvoll stil­isierten Mod­e­tänze unmit­tel­bar ein. Allen­falls kön­nte die Nr. 3 „Zorn“ etwas mehr agi­ta­to sein. Fast über­flüs­sig zu beto­nen, wie sehr die Sopran­solistin Anja Sil­ja hier in ihrem Ele­ment ist: Ihre Into­na­tion und Textver­ständlichkeit sind eben­so vor­bildlich wie einst bei der leg­endären und kaum zu übertr­e­f­fend­en Urauf­führungsin­ter­pretin Lotte Lenya und die dabei wahrhaft gesan­gliche Gestal­tung ver­fällt nicht in den Fehler so manch „klas­sis­ch­er“ Sän­gerin, Brecht/Weills Anna mit pseu­do-opern­haftem Pathos zu über­fracht­en. Mehr als assistiert wird Anja Sil­ja von vier sehr guten jun­gen Män­ner­stim­men aus dem SWR Vokalensem­ble Stuttgart.
Diese her­vor­ra­gende CD enthält außer­dem einen sel­te­nen Ein­blick in die Berlin­er Stu­dien­zeit des Kom­pon­is­ten, näm­lich das Quodli­bet op. 9 aus der Pan­tomime Zauber­nacht op. 4. Die orig­i­nale Par­ti­tur dieser Pan­tomime für neun Instru­mente von 1922 galt als ver­schollen und wurde inzwis­chen von dem Musik­wis­senschaftler Meiri­on Bowen rekon­stru­iert; hier haben wir nun Weills ein Jahr später ent­standene, groß beset­zte orches­trale Essenz daraus vor uns. Rührend die for­mal freie, musikalis­che Mis­chung aus Ein­flüssen von Gus­tav Mahler und Paul Hin­demith, die von seinem (neben Engel­bert Humperdinck und Philipp Jar­nach) wichtig­sten Lehrer Fer­ruc­cio Busoni gel­ernte Über­sicht, die bere­its sou­veräne Orch­ester­be­hand­lung des 22 Jahre jun­gen Weill, die heit­er „zauber­hafte“ Atmo­sphäre der vier Sätze.
Auch hier ent­lockt Grze­gorz Nowak „seinem“ SWR Rund­funko­rch­ester Kaiser­slautern eine frisch leuch­t­ende Durch­sichtigkeit, eine wun­der­bar hinge­bungsvolle Präg­nanz, die nur lei­der durch zu viel Hall etwas getrübt wird. Die ver­spiel­ten Soli und strahlen­den Tut­ti sind aber immer noch faszinierend.
Ingo Hod­dick