Werke von Piazzolla, Messiaen, Pasculli und anderen

Dialoge

für Englischhorn und Klavier. für Englischhorn und Klavier, Michael Sieg (Englischhorn), Angelika Merkle (Klavier)

Rubrik: CDs
Verlag/Label: Genuin GEN 17454
erschienen in: das Orchester 07-08/2017 , Seite 73

Wer das Englis­chhorn liebt, muss ein wenig suchen, um eine gute neue CD mit Solow­erken für das Instru­ment zu find­en. Oboist Michael Sieg hat solch eine CD einge­spielt – und führt die Zuhör­er gle­ich mit der ersten Num­mer in ein Café. Piaz­zol­la hat seine L’Histoire du Tan­go zwar nicht für Englis­chhorn und Klavier geschrieben, doch Siegs Ver­sion klingt schlüs­sig. Schöne Klänge allen­thal­ben, von Ange­li­ka Merkle sub­til am Klavier begleit­et.
Mes­si­aens Vocalise, gut adap­tiert und in jedem Takt ohne Makel, fol­gen. Auch die große Oper ist mit Pas­cullis Amelia dabei und lässt das Englis­chhorn in jed­er Lage sin­gen. Bewegter, wenn auch längst nicht atem­ber­aubend vir­tu­os, darf das Englis­chhorn gegen Ende agieren. Tech­nisch per­fekt zele­bri­eren bei­de Musik­er die sportlichen Läufe, erfrischend nach so viel ruhigem Wohlk­lang. Verträumte Kan­tile­nen, per­fekt artikuliert und ein biss­chen keck, so zeigt sich das Fabel­we­sen Faun nun, dargestellt vom fabel­haften Englis­chhorn. Wem der flotte Faun aus der Fed­er von Hans Stein­metz zu viel Früh­lingsluft um die Ohren geblasen hat, kann beim fol­gen­den Abend­lied op. 85/12 von Robert Schu­mann in Siegs Fas­sung für Englis­chhorn und Klavier wieder her­rlich entspan­nen. Vom Wald­horn zum Englis­chhorn ist der Weg oft nicht allzu weit, wenn es darum geht, dem Dop­pel­rohr eine Solon­um­mer zu organ­isieren. Schu­manns Ada­gio und Alle­gro op. 70 passt ein­fach, da gibt es wenig zu ändern. Sieg weiß das und hat das dankbare, hüb­sche Werk gle­ich mit einge­spielt. Selb­stver­ständlich stimmt hier musikalisch wieder alles bis auf den let­zten Ton.
Fau­ré träumte sich­er vom Englis­chhorn, als er Après un rève dem Ver­liebten Sänger auf dem Leib schnei­derte. Zumin­d­est klingt es so, wenn Michael Sieg zum Englis­chhorn greift. Fein lässt er die Crescen­di schwellen, spielt mit jedem einzel­nen Klang. Pianistin Merkle bleibt im Hin­ter­grund und bre­it­et dem Englis­chhor­nisten einen flauschi­gen Tep­pich aus. Nach der großen Oper bietet die CD auch großes Kino:
Piaz­zol­las Tan­ti anni pri­ma für den Film Enri­co IV ist dra­matur­gisch gut platziert und verza­ubert mit san­ft drän­gen­der Melan­cholie.
Nun steuert die CD auf die Höhep­unk­te zu und die näch­ste Num­mer, ein Satz aus der Hot Suite von Erwin Schul­hoff, zeigt das Englis­chhorn ziem­lich jazz­ig. Das macht Sieg geläu­fig, ohne dick aufzu­tra­gen, ziem­lich swingig, und man möchte noch mehr davon hören. Sieg tut uns den Gefall­en und schiebt einen flot­ten Satz aus der­sel­ben Suite hin­ter­her.
Was ein Sax­o­fon kann, kann ein Englis­chhorn auch, kön­nte Sieg geschmun­zelt haben, als er diese Auf­nahme zum ersten Mal hörte. Rach­mani­nows Vocalise op. 34 Nr. 14 set­zt – zwar nicht so swingig und heftig melan­cholisch – noch ein expres­sives Sah­ne­häubchen oben­drauf. Wer bis­lang das Englis­chhorn als etwas langsamen großen Brud­er der Oboe belächelte, kann sich mit dieser CD überzeu­gen, dass dieses Instru­ment das Zeug zum strahlen­den Solis­ten hat. Nur hätte diese CD ein wenig mehr flotte Num­mern ver­tra­gen.
Heike Eick­hoff