Moens-Haenen, Greta

Deutsche Violintechnik im 17. Jahrhundert

Ein Handbuch zur Aufführungspraxis

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Akademische Druck- und Verlagsanstalt, Graz 2006
erschienen in: das Orchester 12/2006 , Seite 82

In ihrem klug geschriebe­nen Vor­wort weist Gre­ta Moens-Hae­nen auf die wichtig­ste Erken­nt­nis, die ihr Buch ver­mit­telt, hin: Es gibt nicht die barocke Vio­lin­tech­nik, die von manchen Musik­ern – zumin­d­est noch vor eini­gen Jahren – dog­ma­tisch vertreten wurde. So ist die Hal­tung mit der Vio­line an das Brust­bein gedrückt keineswegs die einzige Art, vielmehr ist auch schon die Stützung durch das Kinn beleg­bar. Auch das Drück­en des Dau­mens auf das Bogen­haar wird keineswegs durchgängig gelehrt. Geigen war schon damals eine lebendi­ge und vielfältige, Tra­di­tio­nen und Möglichkeit­en erprobende Kun­st. Moens-Hae­nens Buch ist so ein wichtiger Beitrag zur Weit­er­en­twick­lung der his­torischen Auf­führung­sprax­is und all­ge­mein des musikalis­chen Bewusst­seins weg von ein­er „schulis­chen“ Lehre hin zu ein­er lebendi­gen Auseinan­der­set­zung mit der Musik.
Moens-Hae­nen belegt ein­drucksvoll, wie im Geigen­spiel des 17. Jahrhun­derts so unter­schiedliche Tra­di­tio­nen wie die des „Bier­fiedlers“, der häu­fig jüdis­chen Geigen­for­ma­tio­nen und des kun­stvollen Geigen­spiels zu find­en sind. Jede dieser Tra­di­tio­nen hat­te ihre eigene Art der Vio­lin­tech­nik, da sie jew­eils eine andere Musik betraf. Anhand minu­tiös­er Quel­len­stu­di­en zeigt die Autorin, wie sich die Hal­tung der Vio­line verän­derte. Dabei war die „barocke“ Hal­tung, also die Vio­line an die Brust gedrückt, ein Ver­such, das Vio­lin­spiel galanter zu machen und wurde in Deutsch­land von pro­fes­sionellen Musik­ern keineswegs so über­nom­men, da sie das Lagen­spiel erschw­ert. Der Vio­lin­strich war anfangs auf Laut­stärke und Rhyth­mus aus­gerichtet, weshalb hier die Straf­fung der Bogen­haare durch den Dau­men sin­nvoll war. Doch dann wurde der „stete lange Bogen­strich“ wichtig, da er das „Sin­gen“ auf der Geige erst ermöglicht.
Solche Entwick­lun­gen wer­den von der Autorin mit zahlre­ichen Bele­gen plau­si­bel dargestellt. Sie beschreibt die damals gelehrten Stricharten und zeigt die enge Verbindung von Auf­strich und Tak­t­be­to­nung. Bei der Darstel­lung der Strich­folge im Dreier­takt stellt sie die ver­schiede­nen Möglichkeit­en vor, die in den Quellen beschrieben wer­den. Dabei zeigt sich, dass es keine Dog­men gab. Moens-Hae­nen zeigt im Anschluss den Wan­del des Vio­lin­klangs vom „Unterschicht“-Instrument zum Kun­stin­stru­ment. Im Schlusskapi­tel wertet sie das Reper­toire hin­sichtlich der barock­en Vio­lin­tech­nik aus.
Die Autorin ist sich der Gren­zen ihres Buchs wohltuend beschei­den bewusst. Sie will „Mit­tel anbi­eten, um selb­st zu suchen“. Dies wird durch aus­führliche Quel­len­z­i­tate, eine umfan­gre­iche Bib­li­ografie und ein Reg­is­ter erle­ichtert. Allerd­ings bleiben auch Fra­gen offen. Um weit­er zu kom­men, sollte die his­torische Auf­führung­sprax­is nicht isoliert betra­chtet wer­den, son­dern im Kon­text mit der Musik und musikalis­chen Struk­tur. Nur so lassen sich beispiel­sweise Fra­gen des Schw­er­punk­ts und damit des Bogen­strichs klären. Doch das scheint noch ein weit­er Weg.
Franzpeter Messmer