Eckert, Gerald

… des Säglichen Zeit… / Bruchstücke … erstarrtes Lot / Schatten, aufgeworfen / Aphel

Rubrik: CDs
Verlag/Label: edition zeitklang CAL 13020
erschienen in: das Orchester 09/2006 , Seite 92

Aphel nen­nt man in der Astronomie den ent­fer­n­testen Punkt ein­er ellip­tis­chen Plan­eten­bahn zur Sonne und Aphel ist auch der Titel ein­er zwis­chen 1993 und 1994 ent­stande­nen Orch­esterkom­po­si­tion. Der 1960 in Nürn­berg geborene Ger­ald Eck­ert, Schüler von Wil­fried Jentzsch, Wal­ter Zim­mer­mann und Nico­laus A. Huber hat sie geschaf­fen. In dem 23-minüti­gen Werk, das einen schweben­den, von Klangflächen und ‑wolken langsam durch­zo­ge­nen Raum darstellt, sind die ent­fer­n­testen Fixsterne und bewegten Klangkör­p­er einige Zen­traltöne, die in behar­rlich­er Wiederkehr erscheinen: ein e und ein b vor allem, oft gle­ich Orgelpunk­ten, manch­mal auch geballt in mas­siv­en Akko­rd­blöck­en.
Ein Klangkos­mos verdün­nter Masse­haltigkeit mit dezen­ter, aber deut­lich die Atmo­sphäre bes­tim­mender Innenspan­nung und Schw­erkraft ist kennze­ich­nend für alle vier Werke des heute als freis­chaf­fend­er Kom­pon­ist und Maler in Eck­ern­förde leben­den Eck­ert.
Mit ganz weni­gen sehr kurz einge­set­zten, dafür aber um so wirk­samer erscheinen­den Ton­höhen­fix­punk­ten verse­hen ist …des Säglichen Zeit… (2003) – eine Rez­i­ta­tion von Frag­menten aus Rain­er Maria Rilkes Duineser Elegien vor einem so etwas wie eine mitschwin­gende Mem­bran darstel­len­den Klang­prospekt. Beein­druck­end ist die hier höchst sparsam und dabei sehr effek­tiv einge­set­zte Bewe­gung der Klan­graum­gren­zen. Die ruckar­tige Erweiterung, die schla­gar­tig das Klangvol­u­men des Werkkör­pers aus­dehnt und dabei im Innern gewicht­slos­er macht, schafft einen die Wahrnehmung mitziehen­den, aufmerk­samkeit­sir­ri­tieren­den Ein­druck. Jürg Kien­berg­ers etwas betrof­fen­er und getra­gen­er Ton ver­stärkt den wei­hevollen, andachts­ge­bi­etenden Nim­bus, der in ver­schiede­nen Stärkegraden allen Eck­ert-Werken eigen ist.
Dass ger­ade die jün­gere neue Musik so etwas wie pseu­do-sakrale, Versenkung heis­chende Attitü­den gener­iert, find­et in Eck­erts Klan­grede einen weit­eren Beleg. Das schließt jedoch mas­sive, kurzzeit­ig ganz andere Bedeu­tung­shöfe eröff­nende Gestal­tungsweisen der Klang­fak­tur nicht aus. In die frag­ile, oft schwim­mend-schwebende, ja wabernde Klang­welt brechen mit schus­sar­tiger Präzi­sion heftige Inter­jek­tio­nen ein, wie über­haupt ein met­allisch abge­blendetes, unheimeliges Far­bid­iom vorherrscht.
Ide­al sind die Inter­pre­ten in ges­pan­nter Ruhe auf diese Stücke eingestellt: das Ensem­ble Sur­Plus unter James Avery und die NDR-Phil­har­monie Han­nover unter Johannes Harneit. Christi­na Asch­er bietet den Vokalpart in Schat­ten, aufge­wor­fen (1995) als dezente Sprachk­lang-Geräuschkulisse.
Bern­hard Uske