Funke, Klaus

Der Teufel in Dresden

Ein Paganini-Roman

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Faber & Faber, Leipzig 2006
erschienen in: das Orchester 01/2007 , Seite 81

Von Nic­colò Pagani­ni (1782–1840), dem ital­ienis­chen Geiger und Kom­pon­is­ten, dessen exor­bi­tante Vir­tu­osität seine Zeitgenossen staunen machte und dessen Werke weniger ob ihrer Orig­i­nal­ität denn ob ihrer außeror­dentlichen tech­nis­chen Anforderun­gen an die Spiel­er in die Musikgeschichte einge­gan­gen sind, erzählt der Dres­d­ner Hör­funk- und Roma­nau­tor Klaus Funke in seinem Roman Der Teufel in Dres­den.
Pagani­ni ist eine Fig­ur der Musikgeschichte, über die wenig gesichertes biografis­ches Mate­r­i­al existiert, an der immer wieder vor allem das Dämonis­che, Dun­kle und Obses­sive Inter­esse her­vorgerufen hat. Nicht umson­st hat auch Klaus Kin­s­ki in dem Vio­lin­vir­tu­osen sein kon­ge­niales Alter Ego ent­deckt und den Film Kin­s­ki Pagani­ni über Pagani­ni gedreht, in dem Kin­s­ki die Haup­trol­le spielt.
Auch im vor­liegen­den Roman wird Pagani­ni zunächst als Dämon vorgestellt. Eine kurze Ein­leitung zeigt den Knaben Nic­colò 1796 – in dem Jahr, in dem Napoleon in Ital­ien einzieht und den Bewohn­ern des Lan­des Frei­heit und Reich­tum ver­spricht – als von der Musik besesse­nen, von väter­lich­er Tyran­nei unter­drück­ten und rebel­lis­chen Jun­gen. Dann springt die Hand­lung ins Jahr 1831.
Pagani­ni untern­immt eine Konz­ertreise durch Europa, die ihn auch in zahlre­iche Städte Deutsch­lands führt. Er hat nun Quarti­er in Dres­den genom­men, um dort an der säch­sis­chen Hofop­er zu konz­ertieren. Funke lässt Pagani­ni zunächst nicht selb­st in Erschei­n­ung treten, son­dern das Kam­mer­mäd­chen und den Kell­ner im Hotel in ihren Unter­hal­tun­gen schau­rige Gerüchte über den Kom­pon­is­ten wiedergeben, die – so kann man unschw­er erah­nen – zunächst eine Mythen­bil­dung vorantreiben, wie sie sich auch in der his­torischen Real­ität ähn­lich abge­spielt haben kön­nte.
Im Roman ent­pup­pt sich Funkes fik­tiv­er Pagani­ni – lei­der nicht allzu schnell – dann doch als ein Musik­er mit Herz, der dem armen Kam­mer­mäd­chen eine Karte für das abendliche Konz­ert über­re­icht, obwohl er es beim Lauschen an der Tür erwis­cht hat – woraufhin sich das Mäd­chen sofort in ihn ver­liebt. Pagani­ni ist auch der treu sor­gende, allein erziehende Vater seines mit ihm reisenden Sohnes Achille, und vor allem ist er der Musik­er, der mit napoleonis­chem Ges­tus in die Herzen sein­er Hör­er die Saat der Frei­heit zu säen weiß und ihnen durch sein Spiel die Momente des Glücks beschert, die ihm selb­st ver­sagt bleiben.
Funke zieht alle tech­nis­chen Reg­is­ter, um seine Haupt­fig­ur facetten­re­ich und dif­feren­ziert zu schildern. Doch je mehr der Autor ver­sucht, die zweifel­los aufwändig recher­chierten Beschrei­bun­gen von his­torischen Fig­uren, Kon­stel­la­tio­nen und Sit­u­a­tio­nen zu ein­er dicht­en Roman­hand­lung zu weben, desto star­rer und sta­tis­ch­er gerät seine Schilderung von Pagani­nis Aufen­thalt in Dres­den. Der hölz­erne Ein­druck ver­fes­tigt sich durch den angestrengten Ein­satz erzähltech­nis­ch­er Mit­tel, durch ital­ienis­che Ein­sprengsel, die Pagani­nis Sprache Authen­tiz­ität ver­lei­hen sollen, durch rhetorische Redun­danzen und den ver­schwen­derischen Gebrauch von Adjek­tiv­en und klin­gen­den Allit­er­a­tio­nen, etwa bei der Beschrei­bung von Pagani­nis Augen als einem „Feuer­w­erk aus Funkeln und Fack­eln“.
Hier wäre weniger mehr gewe­sen, denn ob der Fülle der Tech­nik erlahmt das Inter­esse des Lesers am Erzählten. Lei­der, denn die biografis­chen Eck­dat­en Pagani­nis hät­ten wom­öglich Sprengkraft für ein zün­den­deres Erzählfeuer liefern kön­nen.
Beate Tröger