Krellmann, Hanspeter /Jürgen Schläder (Hg.)

Der moderne Komponist baut auf der Wahrheit”

Opern des Barock von Monteverdi bis Mozart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Metzler, Stuttgart 2003
erschienen in: das Orchester 03/2004 , Seite 76

Unsere Opern­häuser wet­teifern mit Pro­grammheften, die immer prächtiger, immer aufwändi­ger (lei­der auch immer kost­spieliger) sind und die sich an eini­gen Orten längst zu regel­recht­en Büch­ern aus­gewach­sen haben: Zeichen nicht zulet­zt des zunehmenden Ein­flusses der Dra­matur­gen auf die Pro­fil­ierung ihrer Insti­tute. Eine Vor­re­it­er­rolle hat dabei seit den Tagen August Everd­ings die Bay­erische Staat­sop­er München gespielt – noch ver­stärkt, seit dort Hanspeter Krell­mann von 1984 bis 2002 als Chef­dra­maturg wirk­te. Inzwis­chen sind die Pro­grammhefte des Haus­es zu regel­recht­en Samm­ler­ob­jek­ten gewor­den (in Konkur­renz zu den ger­adezu bib­lio­philen Kost­barkeit­en der Berlin­er Staatsoper).
Am Ende sein­er Tätigkeit hat Krell­mann zusam­men mit dem Münch­n­er The­ater­wis­senschaftler Jür­gen Schläder den hier angezeigten Sam­mel­band her­aus­ge­bracht, der noch ein­mal eine Auswahl der inter­es­san­testen, immer wieder neue Per­spek­tiv­en erschließen­den Beiträge zu den Münch­n­er Neuin­sze­nierun­gen zwis­chen Mon­teverdis L’Orfeo und Mozarts La clemen­za di Tito bietet. Für die Qual­ität dieser Beiträge ste­hen Autoren wie Udo Bermbach, Bar­bara Zuber, Hans Joachim Marx, Robert Braun­müller, Her­bert Rosendor­fer, Uwe Schweik­ert und Diet­mar Hol­land – allein sieben­mal Schläder (dage­gen nicht ein einziges Mal Krellmann).
Im Gegen­satz zu den Opern­führern herkömm­lich­er Machart mit ihren all­ge­meinen Beschrei­bun­gen von Inhalt, musikalis­chen Kom­mentaren und rezep­tion­s­geschichtlichen Überblick­en konzen­tri­eren sich die Autoren hier auf einzelne Aspek­te des jew­eili­gen Werks. So etwa Bermbach auf „Kun­st und Mythos“ bei L’Orfeo (der allein fünf Mal unter ver­schiede­nen The­men­stel­lun­gen ins Visi­er genom­men wird) oder Ekke­hard Kro­her auf „Ein König im Zerrspiegel der Ironie“, bezo­gen auf Hän­dels Serse. Neben Mon­tever­di, Hän­del und Mozart ist Gluck ger­ade mal ein­er von 34 Beiträ­gen gewid­met: „Glucks Moder­nität – Sein Werk in der Zeit und über sie hin­aus“ von Gert Mat­ten­klott, während Pur­cell sich einen Artikel mit Hän­del teilen muss: „Hän­dels und Pur­cells Masques und ihr Pub­likum“ von Schläder. Dabei ist Hän­del mit ins­ge­samt zehn Essays vertreten – Reflex der Hän­del-Dom­i­nanz des Münch­n­er Spielplans in der Ära von Peter Jonas. Es fehlen Cav­al­li und Rameau – wie im Reper­toire der Münch­n­er Staatsoper.
Nüt­zlich sind nicht zulet­zt die Anmerkun­gen und Quel­lenangaben der Zitate sowie der Hin­weis auf weit­er­führende Lit­er­atur zum neuesten Forschungs­stand seit dem Erscheinen der Pro­gramm­büch­er. In ihrem Vor­wort ver­weisen die bei­den Her­aus­ge­ber auf einen bere­its erschiene­nen ersten Band über Opern des 19. Jahrhun­derts und kün­den einen weit­eren über das 20. und 21. Jahrhun­dert an, „so dass die dann dreibändi­ge Folge vier­hun­dert Jahre Operngeschichte und Geschichte des musikalis­chen The­aters in repräsen­ta­tiv­en Beispie­len und neuesten Deu­tungsan­sätzen umfasst“.
Horst Koe­gler