Csampai, Attila / Dietmar Holland (Hg.)

Der Konzertführer

Orchestermusik von 1700 bis zur Gegenwart

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Rowohlt, Reinbek 2005
erschienen in: das Orchester 05/2006 , Seite 71

Wozu noch einen Konz­ert­führer, fra­gen die Her­aus­ge­ber Atti­la Csam­pai und Diet­mar Hol­land im Vor­wort zu ihrem erweit­erten und über­ar­beit­eten Konz­ert­führer, der seit sein­er ersten Aus­gabe im Jahr 1987 als Stan­dard­w­erk gilt. Die Antwort darauf bleibt die aktu­al­isierte dritte Aus­gabe dieses Lese­buchs zur „Orch­ester­musik von 1700 bis zur Gegen­wart“, an der 32 Autorin­nen und Autoren, darunter nicht wenige aus dem Umkreis des Bay­erischen Rund­funks „mitkom­poniert“ haben, nicht schuldig.
Die Inten­tion dieser renom­mierten Musikken­ner, wie z. B. Klaus Peter Richter, Ulrich Schreiber oder Michael Stege­mann, ist gewe­sen – darauf wird aus­drück­lich hingewiesen –, mit Herzblut einen „Konz­ertver­führer“ zu schreiben, dabei den per­sön­lichen Gus­to nicht zu ver­hehlen. Das macht das Lesen vergnüglich und unter­halt­sam, hält allerd­ings nicht dem Anspruch stand, einen bis heute verbindlichen Werkkanon vorzule­gen.
So haben Abhand­lun­gen über den Gat­tungs­be­griff „Sin­fo­nia“ und die über­aus erhel­lende Reflex­ion über das Schaf­fen Joseph Haydns mit über 70 Seit­en dur­chaus ihre Berech­ti­gung und sind als Desider­at anzuse­hen. Man fragt sich allerd­ings, warum in dem bewusst „spi­ralför­mig“ und nicht chro­nol­o­gisch konzip­ierten Lexikon Georg Friedrich Hän­del ger­ade mal vier Seit­en zuge­s­tanden, dabei seine nach 1700 ent­stande­nen Chor­w­erke im Gegen­satz zu denen Haydns oder Mozarts gän­zlich unter­schla­gen wur­den. Stattdessen geht man sehr aus­führlich auf die „Berlin­er Schule“ ein, Kom­pon­is­ten, von denen man all­ge­mein als „Klein­meis­ter“ spricht. Her­mann Götz und Rudolf Friedrich Delius sind eigene Kapi­tel gewid­met, Carl August Nielsen gar sieben Seit­en, ganz nach dem Mot­to: Musik­wis­senschaftler stellen ihre Lieblingskom­pon­is­ten vor.
Wenig Dis­tanz beweist ein­er der Autoren, wenn er den unbe­strit­ten ver­di­en­stvollen Kom­pon­is­ten Chris­to­bal Halffter als „einen der bedeu­tend­sten Kom­pon­is­ten unser­er Zeit“ vorstellt, der „in faszinieren­der Weise“ kom­poniere. Und ob der durch­schnit­tliche Konz­ert­gänger, an den sich dieses Buch ja richtet, wohl weiß, was gemeint ist mit dem zum „Solip­sis­mus“ über­steigerten Indi­vid­u­al­is­mus Alexan­der Skr­jabins?
Sehr erhel­lend ist hinge­gen ein aus­führlich­er Artikel zu Kom­pon­is­ten der ehe­ma­li­gen Sow­je­tu­nion. Erfreulicher­weise erfährt man auch sehr viel über Nono, Xenakis und Ligeti. Wer sich allerd­ings vor dem Konz­ertbe­such auf Werke der heuti­gen jun­gen Kom­pon­is­ten­gener­a­tion, von der hof­fentlich noch viel zu erwarten sein wird, informieren will, wird allein gelassen. Über äußerst pro­duk­tive Kom­pon­is­ten wie Matthias Pintsch­er („für sein Alter sehr reif“), Isabel Mundry („Zen­der­schü­lerin“), Moritz Eggert („eigen­williger Quer­denker“), ja, selb­st über Wolf­gang Rihm und Man­fred Tro­jahn ist ger­ade das Allernötig­ste zu erfahren. Und ob Frauen nun anders kom­ponieren als Män­ner oder nicht: Es gibt nicht nur Sofia Gubaiduli­na, die die Pro­gramme im deutschsprachi­gen Raum mit ihrer Musik bere­ichert. Wo bleiben Kai­ja Saari­a­ho, Olga Neuwirth, Adri­ana Höl­szky, Vio­le­ta Dines­cu?
Trotz aller Ken­nt­nis und Begeis­terung der Autoren für die Schlachtpferde der Konz­ert-Lit­er­atur von Vival­di über Bruch bis zu Wieni­aws­ki, „die inhaltliche Strin­genz bleibt neb­ulös“ (wie im Lexikon an ander­er Stelle zu lesen ist). Wer die „Sin­fonie mit dem Pauken­schlag“ sucht oder die „Leningrad­er Sin­fonie“ muss halt blät­tern. Da hätte ein wenig mehr Platz fürs Per­so­n­en-Reg­is­ter schon sehr geholfen.
Dag­mar Zurek