Schleske, Martin

Der Klang

Vom unerhörten Sinn des Lebens

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Kösel, München 2010
erschienen in: das Orchester 02/2011 , Seite 66

“Ein­er der großen Geigen­bauer der Gegen­wart erzählt von den Geheimnis­sen seines Berufes” – so begin­nt der Klap­pen­text. Das inhaltliche Spek­trum eines Buchs, in dem der Grun­driss der Basi­li­ka Vierzehn­heili­gen eine Rolle spielt, ist damit erst angedeutet. Die „Umbruch­stellen“ der sym­metrischen Architek­tur Balthasar Neu­manns find­en sich auch in der äußeren Form der Geige. Im asym­metrischen Res­o­nanzraum bewirken sich über­schnei­dende Span­nungs­felder das „Klangge­heim­nis“.
Bei Mar­tin Schleske nimmt es seinen Anfang mit der Suche nach „Sänger­stäm­men“ im tiefen Schnee des alpinen Wind­bruchs. Alles Weit­ere, vom Erken­nen des durch Mark­strahlen gebilde­ten „Spiegels“ im Holz über das Gefühl für den Faserver­lauf beim Ausar­beit­en der Wöl­bung bis zum Lack­ieren und schließlich dem Ein­stellen auf die Erwartun­gen des Kun­den, ist für ihn Teil des Geheimniss­es, aber auch Gle­ich­nis der Per­sön­lichkeit­sen­twick­lung: „Was dem Klang mein­er Geigen das Holz ist, das ist meinem Leben der suchende und hörende Glaube.“
Ihm dabei zu fol­gen, erfordert erst ein­mal Ver­ständ­nis. Es wird zum Gewinn durch die Offen­heit, mit der Schleske über das eigene Ver­sagen und die men­schliche Größe ander­er berichtet. Sein Anknüpfen an Worte aus Bibel und Tho­ra, aus Pla­ton und Laotse zeugt von umfassender Ken­nt­nis. Er will seine Leser nicht vere­in­nah­men, es gibt keinen Bruch zwis­chen dem Reden vom Geigen­bau und vom „uner­hörten Sinn des Lebens“. Wer im Kapi­tel vom „Ver­schlosse­nen Klang“, der einem Solo­cel­lis­ten die Freude an seinem Instru­ment genom­men hat, nach der Bestand­sauf­nahme auf den Heilungser­folg ges­pan­nt ist und weit­erblät­tert, wird durch das Geständ­nis des Autors beruhigt, die zwis­chengeschal­tete Betra­ch­tung sei
das „mit Abstand läng­ste Gle­ich­nis in diesem Buch“.
Im Vor­wort stellt er dem Leser frei, mit dem­jeni­gen Kapi­tel zu begin­nen, das ihn am meis­ten inter­essiert. Vielle­icht das elfte: „Das Geheim­nis des Geigen­lacks“ mit der aus­führlichen Beschrei­bung der harten und weichen Harze, der Öle und Pig­mente. Das zwölfte berichtet vom Lohn nach dem Auf­tra­gen der gut fün­fzehn Schicht­en: Das Aus­polieren des Lacks, bis dieser „sein inneres Feuer“ erhält, sei „ein­er der schön­sten Arbeits­gänge, eine Zeit der Erfül­lung“. Allein die Vor­bere­itung des leine­nen Polier­lap­pens dauert einige Minuten. In der Hand des Spiel­ers, durch sein Vibra­to und sein Ver­wan­deln der Res­o­nanzen in Klang­far­ben, entste­ht dann ein „akustis­ches Feuer“, das die Per­sön­lichkeit des Instru­ments mit der­jeni­gen des Musik­ers ver­schmilzt.
Mit den fließen­den Licht­tö­nen, dem Spiel der Schär­fen und Unschär­fen in ihren ganz­seit­ig wiedergegebe­nen Schwarzweiß­bildern vom Wer­den der Geige ver­lei­ht die Fotografin Dona­ta Wen­ders dem liebevoll gestal­teten Buch eine einzi­gar­tige Atmo­sphäre.
Rein­hard Seiffert