Viktor Ullmann

Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung

Spiel in einem Akt von Peter Kien; Faksimile der Quellen, hg. von Heidy Zimmermann

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Bärenreiter, Kassel
erschienen in: das Orchester 5/2026 , Seite 71

Viktor Ullmanns Opern-Einakter Der Kaiser von Atlantis oder Die Tod-Verweigerung auf ein Libretto von Peter (Petr) Kien zählt zu den bedeutends­ten Arbeiten, die im Ghetto Theresienstadt (Terezin) komponiert wurden. Das Werk entstand zwischen September 1943 und Januar 1944, wurde ab März 1944 in Theresienstadt auch geprobt, doch kam eine Aufführung aus unbekannten Gründen nicht zustande. Und im Oktober 1944 zählten Ullmann, Kien und die meisten Mitwirkenden der geplanten Aufführung zu den nach Auschwitz Deportierten, wo sie mit ganz wenigen Ausnahmen am 18. Oktober in den Gaskammern ermordet wurden.
Vor dem Abtransport nach Auschwitz übergab Ullmann seine Manuskripte Emil Utitz, der das Ghetto überlebte und für ihre weitere Sicherung sorgte. Darunter befanden sich auch die Quellen der Oper: die autografe Partitur, Kiens autografes Libretto, das später auch als Typoskript aufgefunden wurde, sowie ein Rollenbuch mit der Partie des „Todes“. Alle diese Quellen veröffentlicht die vorliegende Publikation im Faksimile in Originalgröße, ergänzt durch weitere Dokumente und fünf Essays, die umfassend und bestens dokumentierend in die Entstehung, die Publikationsgeschichte seit 1975, die kompositionstechnische Faktur (Ingo Schultz), die Zitate und stilistischen Anspielungen und die Inszenierungsgeschichte der Oper einführen.
Durch die vierfarbig reproduzierten Quellen der Partitur mit den insgesamt sieben verschiedenen, teilweise selbst rastrierten Papiersorten, mit den vielfältigen Schreibmitteln, den Korrekturen und Streichungen, den Eintragungen von fremden Händen oder etwa durch das Libretto-Typoskript, das auf den Verso-Seiten von Registerblättern notiert wurde, welche auf den Recto-Seiten Angaben zu den in das Ghetto Eingelieferten aufweisen, wird unmittelbar erkennbar, unter welch entsetzlichen, grauenvollen, kaum wirklich fassbaren Umständen das Werk konzipiert und niedergeschrieben wurde. Und zudem können nun die gravierenden philologischen Fragen zuverlässig diskutiert werden, welche diese Quellen seit der von Kerry Woodward ermöglichten Uraufführung am 16. Dezember 1975 in Amsterdam aufwerfen. Rückt zum Beispiel Kien mit seinem Titel des Librettos Der Tod dankt ab. Legende in vier Bildern den „Tod“ ins Zentrum einer „Legende“, so wird bei Ullmann mit dem Titel Der Kaiser von Atlantis oder die Tod-Verweigerung. Spiel in einem Akt der „Kaiser“ zum Mittelpunkt eines „Spiels“. Und jede Inszenierung der Oper sieht sich mit den fast schon unlösbaren Problemen konfrontiert, mit der Realisierung ihres emphatischen, „autonomen“ Kunstcharakters zugleich auch etwas von der Zeit und den Umständen ihrer Entstehung einfließen zu lassen, die nun mit dieser bestechenden Publikation direkt und indirekt vorbildlich dokumentiert werden.
Giselher Schubert

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