Mieczysław Weinberg
Der Idiot
Bogdan Volkov, Ausrine Stundyte, Vladislav Sulimsky, Iurii Samoilov, Xenia Puskarz Thomas (Gesang), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker, Ltg. Mirga Gražinytė-Tyla
Geradezu lachhaft in unseren Tagen: allumfassende Güte, tiefgehendes Verständnis, schrankenloses Mitleid – das soll einen Opernhelden ausmachen?
Doch aus dem Leben von Mieczysław Weinberg (1919–1996) erwächst so ein Werk geradezu zwingend – auch wenn er zum „verges- sensten Komponisten“ des 20. Jahrhunderts wurde. Die nun auf DVD festgehaltene Salzburger Aufführung stellt Weinbergs Oper Der Idiot endgültig neben Wozzeck, Lulu oder Die Soldaten als Mahnmal gegen Inhumanität.
Weinberg und sein kongenialer Librettist Alexander Medwedew haben Dostojewskis 800-Seiten-Roman auf vier Opernakte verdichtet. Da kehrt Fürst Myschkin aus der Schweizer Epilepsie-Behandlung zurück. Seine Eisenbahn-Bekanntschaft, der emotional mühsam gebändigte Lebemann Rogoschin, wird zum zwiespältigen Freund-Widersacher, als die als Kind missbrauchte, jetzt zwischen Schmerz und Sinnlichkeit schwankende Nastassya auftaucht. Der hypersensible Myschkin erkennt ihre Not und will sie retten, Rogoschin erobert sie – und tötet sie, als sie ihn verlassen will.
Das hat Weinberg innerhalb der Tonalität, aber mit Brüchen und doch viel Klangsinnlichkeit und dann auch fulminanten Ausbrüchen und expressiver Schroffheit komponiert. Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla macht das mit den Wiener Philharmonikern zu einem fesselnd vielfältigen Klangpanorama.
Die Gebrochenheit Nastassyas ließe sich differenzierter, sensibel changierender vorstellen – Ausrine Stundyte wirkt da sehr direkt dramatisch und mitunter vokal scharf. Bariton Vladislav Sulimsky gelingt die eher brachiale Lebenslust und Erotik Rogoschins dagegen stimmdarstellerisch so überzeugend, dass seine ungestüme Virilität eben in „Besitz durch Mord“ an Nastassya endet. Dem stehen Sätze wie „Der Mensch ist ein Rätsel, das man lösen muss“ gegenüber – was Fürst Myschkin aber nur zur mathematischen Unmöglichkeit zwischen Einstein und Newton führt. So singt er: „Die Menschen können wunderschön und glücklich sein auf dieser Erde. Ich werde niemals glauben, dass Böses für das menschliche Leben normal ist“. Und damit, wie mit seinen mal träumerisch, mal zerbrechlich, mal lyrisch überwältigenden Tönen, gelingt Mozart-Tenor Bogdan Volkov das Porträt eines „Gottesnarren“ inmitten von „Damals“ und „Heute“ – anrührend, unvergesslich. Das Erfreulichste ist, dass sich Regisseur Krzysztof Warlikowsky mit seiner Dauerausstatterin Malgorzata Szczęśniak zurückgenommen hat: So kann die künstlerische Singularität des Werks, seine klagend herausfordernde Aussage gegenüber unserer Welt wirken: Am Ende liegen alle drei Hauptpersonen unter Hans Holbeins Der tote Christus im Grab.
Wolf-Dieter Peter


