Kranz, Dieter

Der Gegenwart auf der Spur. Harry Kupfer

Der Opernregisseur

Rubrik: Bücher
Verlag/Label: Henschel, Berlin 2005
erschienen in: das Orchester 01/2006 , Seite 75

„Ich halte ihn für den wichtig­sten Regis­seur der Musik­szene“: Gerd Albrechts State­ment über Har­ry Kupfer scheint seine Bestä­ti­gung in Ulrich Schreibers jüng­stem Band des Opern­führers für Fort­geschrit­tene zu find­en, in dessen Reg­is­ter Kupfer weit häu­figer auf­taucht als etwa Hans Neuen­fels, Joachim Herz, Ruth Berghaus, Peter Kon­witschny, Jos­si Wiel­er, Peter Muss­bach – oder wie sie alle heißen. Das hängt offen­sichtlich mit der gen­uinen Musikalität sein­er Insze­nierun­gen zusam­men – und zum anderen mit der enor­men stilis­tis­chen Band­bre­ite
sein­er Arbeit­en zwis­chen Hän-del-Gluck auf der einen und Reimann-Zim­mer­mann (bei­de, Bernd Alois und Udo) auf der anderen Seite.
Schon ein­mal hat sich Dieter Kranz mit Kupfer befasst: 1988 in seinem Buch Har­ry Kupfer – Ich muss Oper machen. Jet­zt hat er ihn erneut ins Visi­er genom­men – und seine Per­spek­tive bis zur Dres­d­ner Mahagonny-Pro­duk­tion von 2005 erweit­ert. Der große Vorzug sein­er Auseinan­der­set­zung mit den inzwis­chen über 200 Insze­nierun­gen Kupfers ist die Vielfalt sein­er Annäherun­gen: als Beschrei­bung, Analyse, in Gesprächen mit Kupfer, den Diri­gen­ten, Büh­nen­bildern und Sängern, mit denen er zusam­mengear­beit­et hat, und auch mit den kon­tro­ver­sen Kri­tiken, die über ihn erschienen sind. Denn bei aller Sym­pa­thie und Empathie für das kupfer­sche Œuvre über fast fün­fzig Jahre hin­weg (begonnen mit sein­er ersten Rusal­ka in Halle 1958): Zu den Jubel-Kupfe­ri­an­ern gehört Kranz, der sich dur­chaus seine eige­nen Gedanken über die Ergeb­nisse gemacht hat, nicht. Die Präsen­ta­tion in ein­er so vital­en Form, so anschaulich und präg­nant, ver­rät den ver­sierten Rund­funkjour­nal­is­ten.
Die Schw­er­punk­te sein­er Bilanz find­en sich in den Kapiteln über Hän­del und Gluck, über Mozart, Wag­n­er und Janác¡ek. Daneben gibt es zahlre­iche Seit­en­blicke: Ver­di und Puc­ci­ni, Berlioz, Offen­bach und Bizet, die Russen von Tschaikowsky über Mus­sorgsky bis Schostakow­itsch, „Werke der Über­gangszeit“ (Strauss, Berg und Schön­berg), auch ein „Heit­eres Zwis­chen­spiel“ (Strauß, Lehár und das Musi­cal Elis­a­beth) und schließlich „Der Gegen­wart auf der Spur“ (30 Seit­en über Arib­ert Reimann, Pen­derec­ki, Matthus und Gold­schmidt).
Es ist ein stat­tlich­es Resümee, das da in einem hal­ben Jahrhun­dert zusam­mengekom­men ist und bis zu Kupfers Abschied als Chefregis­seur der Komis­chen Oper in Berlin reicht (inklu­sive sein­er weit­er prak­tizierten Tätigkeit als freier Regis­seur unter anderem in Barcelona, Syd­ney und Helsin­ki). Es wird ergänzt durch biografis­che Dat­en, Kurzbi­ografien der Inter­view-Part­ner von Clau­dio Abba­do bis Wolf­gang Wag­n­er und einem chro­nol­o­gis­chen Insze­nierungsverze­ich­nis.
Man wird Kranz beipflicht­en, wenn er Kupfer, der sich (wie auch sein Kol­lege Joachim Herz) aus­drück­lich nicht als Schüler von Felsen­stein sieht, gle­ich­wohl als Erben des Grün­ders der Komis­chen Oper reklamiert, der dessen „Anliegen zeit­gemäß weit­erge­führt [hat], ganz in Felsen­steins Sinne, dessen ober­ster Grund­satz lautete: ‚The­ater ist immer heute‘.“
Horst Koe­gler