Susan Youens
Der ganze Hugo Wolf
Herausgegeben von der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie für Gesang, Dichtung, Liedkunst e. V., Stuttgart
Grundlage dieser Veröffentlichung sind 16 Konzerte mit 316 Liedern in einem Zeitraum von sieben Jahren – ausschließlich Klavierlieder eines Komponisten. Das ist für sich genommen schon ein äußerst ambitioniertes Unterfangen: Es braucht Künstler:innen, die bereit sind, außerordentlich tief in das Werk des Komponisten einzutauchen, es braucht wissenschaftliche Begleitung, die sich nicht nur kurz Allgemeingedanken im Programmheft niederschlägt. Kurz: Hier sollten Expertinnen und Experten mit Leidenschaft für einen Komponisten vereint auftreten!
Dass dies im Falle des umfangkreichen Liedschaffens von Hugo Wolff möglich ist, geht auf Initiative der Internationalen Hugo-Wolf-Akademie für Gesang, Dichtung, Liedkunst e.V. Stuttgart (Hrsg.) zurück. Susan Youens gibt uns in Der ganze Hugo Wolf in 15 Essays einen neuen und kundig-tiefen Zugang . In diesen Essays erhalten wir auf Deutsch und Englisch Informationen zu jedem Lied: Es handelt sich dabei nicht um Analysen, die nur durch ein fachkundiges Publikum rezipierbar wären, sondern um eine Sammlung pointierter, sprachlich schön klingender Texte, die durch das tiefgründige Hintergrundwissen und sorgfältiges Redigieren mit feinem Schliff zu gut lesbaren Liedbeschreibungen reduziert wurden.
Dass sich von diesen Texten aus weitere Liederabende planen lassen, ergibt sich nach der Lektüre wie von selbst: Die Sammlung macht Lust auf Wolf, auf Klavierlieder, auf thematisch gebündelte Liederabende! Das Konzept, nicht nach Liederbüchern oder Sammlungen, sondern nach thematischen Bezügen vorzugehen, hatte offenbar schon Wolf selbst ersonnen (Cornelia Weidner: Einleitung). Im vorliegenden Band wird in sehr persönlicher Weise in Gedankengänge und das leidenschaftliche Engagement der vielen Beteiligten dieses großen Unterfangens mit hineingenommen: Hier liegt ein einzigartiger Schatz vor, der dem Klavierliedfreund an sich und dem, der es unbedingt werden sollte, einen zugleich höchst informativen wie auch wunderbar niederschwelligen Zugang zu einem genialen Komponisten offenbart.
Übrigens brachte die Veröffentlichung seiner Lieder Wolf selbst zu Lebzeiten nicht sehr viel Wohlstand ein: Die Herausgabe durch den Musikverlag Schott 1891 verhalf ihm zwar zu Ansehen, brachte nach fünf Jahren aber lediglich 85 Mark und 35 Pfennige ein (Wikipedia). Zum Vergleich: Laut statistischem Jahrbuch lag das durchschnittliche Jahresgehalt 1890 eines Arbeitnehmers (Industrie, Handel, Verkehr) bei 650 Mark.
Nun, wir denken lieber nicht in pekuniären Kategorien, sondern erfreuen uns an einem einzigartigen Kaleidoskop der Betrachtung musikalischer Preziosen!
Christina Humenberger


