Jochem Wolff

Der Funke des Prometheus

Beethoven – Legenden und Spuren

Rubrik: Rezension
Verlag/Label: Weidler
erschienen in: das Orchester 6/2022 , Seite 65

In seinem zweit­en Buch über Musik wen­det sich der Musik­wis­senschaftler und Pub­lizist Jochem Wolff Lud­wig van Beethoven zu. Nicht in ein­er weit­eren Biografie, auch nicht in einem durchge­hen­den Nar­ra­tiv – vielmehr haben wir hier sieben Essays unter­schiedlich­er Länge, die sich dezi­diert mit einzel­nen Aspek­ten des Beethoven­bildes einst und heute auseinandersetzen.
In biografis­ch­er Hin­sicht bieten nicht alle Essays Neues, auch nicht mit Blick auf Beethovens weites Inter­essen­spek­trum. Wolffs Schw­er­punk­te liegen ander­swo. Etwa, wenn er den Blick auf Beethovens Taub­heit lenkt, die laut Wolff gar keine voll­ständi­ge Taub­heit war; vielmehr sei bei Beethoven ein Resthörver­mö­gen vorhan­den geblieben. Er argu­men­tiert weniger anhand his­torisch­er Belege, son­dern vielmehr in Folge enger Diskus­sio­nen mit einem Psy­chother­a­peuten und einem Internisten, welche Trau­ma­ta in frühen Jahren und Belas­tun­gen der Per­sön­lichkeit Beethovens als Ursachen für Hörschä­den (ver­mut­lich verur­sacht durch eine Rei­he von Hörstürzen) ver­muten. Der Zweck der Kon­ver­sa­tion­shefte wird umgedeutet und Beethovens Nutzung der Hör­rohre bis in seine späten Jahre als überzeu­gen­des Argu­ment gegen eine voll­ständi­ge Ertaubung angeführt.
Assozia­tiv mehr denn hin­re­ichend im Vor­feld erkun­det ist der Blick auf Beethovens späte Stre­ichquar­tette – und ger­ade hier­durch per­pe­tu­iert Wolff teil­weise Leg­en­den und Mythen, statt sie tat­säch­lich zu kor­rigieren. Weit erhel­len­der ist Wolffs unkon­ven­tioneller Blick auf den Homo politi­cus Beethoven. Ger­ade der bewusste Blick „aus der Ferne“ auf den Kom­pon­is­ten und seine Zeit zeigt ihn in klar­erem Licht – nicht unbe­d­ingt als einen „Bar­rikaden-Rev­o­lu­tionär“, aber einen „Rebell des Geistes“ im Zeichen der Ide­ale von 1789.
Beson­ders span­nungsvoll und ger­ade im unkon­ven­tionellen Zugriff faszinierend ist Wolffs Blick auf die Beethoven-Rezep­tion der ver­gan­genen 150 Jahre – dies scheint eine fast größere Stärke als die in den Wer­be­un­ter­la­gen des Ver­lags beson­ders her­vorge­hobe­nen intendierten „gründliche[n] Kor­rek­turen des in der Musiköf­fentlichkeit und in den Medi­en gängi­gen Beethoven-Bildes“ – eines Bildes, das die Ken­ner längst kor­rigiert haben und das von ein­er ober­fläch­lichen Medi­en­welt auch durch Wolffs Buch nicht kor­rigiert wer­den wird.
Lei­der ist die wis­senschaftliche Basis, die Wolff her­anzieht, gele­gentlich fehler­haft (falsche Autoren­na­men etc.) oder wenig sorgsam (viele Leg­en­den, die er beleuchtet, sind längst kor­rigiert dargestellt). Manche Belege erwäh­nt er in Anmerkun­gen der­art verkürzt, dass sie ihre Überzeu­gungskraft ver­lieren und häu­fig zitiert er nach zweit­er oder gar drit­ter Hand; ger­ade wenn man Leg­en­den berichti­gen oder wider­legen will, braucht es mehr Sorgfalt, mehr Skrupulösität im Detail. Manche Abkürzun­gen inner­halb des Buchs bleiben unaufgelöst und mehrere Orig­i­nal­beiträge – ein­er­seits solche, die für Wolffs Argu­men­ta­tion essen­ziell sind, ander­er­seits Blicke auf Beethovens Bedeu­tung für heute und mor­gen – sind nicht datiert, was ihre ser­iöse Belast­barkeit beeinträchtigt.
Jür­gen Schaarwächter