Carl Maria von Weber
Der Freischütz WeV C.7
Ouvertüre zur Oper
Die im Herbst 2024 bei Breitkopf & Härtel verlegte Partitur der Ouvertüre zu Carl Maria von Webers romantischer Oper Der Freischütz ist – unter dem Label Urtext – die erste hauseigene Neuedition dieses Werks seit 1906 und ein Vorabdruck der 2025 veröffentlichten vollständigen Opernpartitur. Frank Reinisch, der langjährige Musikredakteur des Wiesbadener Unternehmens, hat das Autograf mit den ersten Druckausgaben abgeglichen und eine Edition erarbeitet, die er seinem Vorwort zufolge als Weiterführung der traditionellen Ausgabe verstanden wissen will. Webers wenig gebräuchlichen Pseudoitalianismus aufgreifend, wird diese sinfonische Operneinleitung durchgehend als „Overtura“ bezeichnet. Sobald man den typisch blauen Schutzumschlag aufschlägt, stechen weitere Neuerungen ins Auge. Und das nicht nur, weil dem Notentext nun ein – überdies zweisprachiges – Vorwort vorangestellt ist, das die mit den Hauptcharakteren der Oper verbundenen musikalischen Themen und ihre Verarbeitung in der dem Stück zugrunde liegenden Sonatenhauptsatzform präsentiert. Der Notensatz ist gegenüber der alten Ausgabe dadurch verschlankt, dass die Rastralweite von 6 mm auf 5 mm verringert wurde, die Seitenzahl beträgt nunmehr 34 statt wie zuvor 39. Auffällig und sicherlich nicht unstrittig dürfte die Entscheidung sein, drei Wendestellen in besonders spannungsgeladene musikalische Pausen zu legen; so nach dem ersten Teil der Einleitung, vor der Exposition und vor der Coda. Inwieweit sich dieser analytische Ansatz, Formabschnitte auf den Beginn oder das Ende einer Seite auszurichten, auf das Notenbild im weiteren Verlauf der Oper ausgewirkt hat, wäre anhand der vollständigen Partitur zu prüfen.
Zu der neuen Seitenaufteilung kommt als weitere auffällige Veränderung hinzu, dass der Posaunensatz nun in drei Systemen statt wie bisher zwei notiert ist. Reinisch hat Druckfehler korrigiert und Artikulation, Dynamik und Phrasierung in eckigen Klammern ergänzt, wo Weber wohl aus pragmatischen Gründen mit solchen Angaben gespart hat. Wenn auf die Crescendo-Gabel des ersten Takts in den Holzbläsern keine Zieldynamik folgt, sollte es ebenso berechtigt wie selbstverständlich sein, analog zu den Streichern ein Forte einzutragen. Auch dürfte Weber kaum eine unterschiedliche Artikulation der sechs Paukenschläge ab Takt 26 intendiert haben, obwohl er Keile nur unter die ersten beiden Noten gesetzt hat. Es ist unvermeidlich, dass diese Akribie bisweilen zu einer Überladung des Notentexts führt, wie im Falle des jedem der vier Hörner eigens zugewiesenen Mezzoforte in Takt 18. Fazit: Vom Druckbild her sicherlich nicht jedem genehm, kann diese Neuausgabe mit dem dazugehörigen Stimmenmaterial die Einstudierung erleichtern.
Christian Dammann


