Weber, Carl Maria von

Der Freischütz

Rubrik: DVDs
Verlag/Label: Warner Vision Division
erschienen in: das Orchester 02/2005 , Seite 85

Während der CD-Markt im Klas­sik­bere­ich noch immer vor sich hin düm­pelt, sieht es im DVD-Bere­ich weitaus pos­i­tiv­er aus. Das Ange­bot an neuen und nicht ganz so neuen Oper­nauf­nah­men auf DVD unter­stre­icht, wie sehr dieses Medi­um von den Käufern angenom­men wird. Dass diese Nach­frage aber auch einige Pro­duk­tio­nen auf den Markt spült, deren tech­nis­che Qual­ität und Ausstat­tung ihren Wert eher frag­würdig machen, ist die Kehr­seite der Medaille.
Die 1981 in der Würt­tem­ber­gis­chen Staat­sop­er Stuttgart mit­geschnit­tene Pro­duk­tion von Carl Maria von Webers Der Freis­chütz bietet zwar die Wieder­begeg­nung mit eini­gen ansprechen­den Sänger­leis­tun­gen – hier sei beson­ders die lebendig-drama­tisch akzen­tu­ierte Agathe von Cate­ri­na Ligendza zu nen­nen. Auch ist Achim Frey­ers Regiekonzept noch heute von Inter­esse. Die mit Män­gel behaftete Bild- und Tonaufze­ich­nung, aber auch die lieblose Auf­machung der DVD-Pro­duk­tion lassen am Sinn des Unternehmens doch Zweifel aufkom­men. So ist die Kam­er­aführung aus heutiger Sicht wenig überzeu­gend. Es han­delt sich offen­sichtlich um eine Fernse­haufze­ich­nung; genauere Dat­en sowie der Tag des Mitschnitts fehlen. Prob­lema­tis­ch­er aber ist die ver­wasch­ene, teil­weise etwas unscharfe Bildqual­ität. Eben­so ist die Tonaufze­ich­nung höch­stens durch­schnit­tlich, die Stim­men wirken oft über­s­teuert, der Fil­tere­in­satz kann hier nicht alles ausgleichen. 
Achim Frey­er, der auch als sein eigen­er Ausstat­ter zu Gange ist, hat einen auf die Hand­lung dur­chaus ent­lar­ven­den Blick gewor­fen. Von Tümelei jeglich­er Art kann bei diesem Freis­chütz keine Rede sein. Frey­er ver­sagt sich aber auch ein Psy­chol­o­gisieren der Hand­lung, vieles bleibt märchen­haft. Er nutzt Büh­nen­mit­tel aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhun­derts für eine Sicht auf Webers Hauptwerk, die nie in der his­torischen Rekon­struk­tion steck­en bleiben. Denn dieser Freis­chütz liefert dank greller Überze­ich­nung die Par­o­die sein­er selb­st gle­ich mit. Die gemal­ten Prospek­te und der märchen­hafte Spuk der Wolf­ss­chlucht wirken auf den ersten Blick naiv, bewirken aber für den mod­er­nen Betra­chter zugle­ich eine Dis­tanzierung, die auch die prob­lema­tis­chen Aspek­te der Oper öffnet: das Gefan­gen­sein der han­del­nden Per­so­n­en in einem Sys­tem, das wie im Falle von Max Ver­stöße gegen die Ord­nung ger­adezu erzwingt. Frey­er spielt mit unter­schiedlichen Blick­winkeln auf die Oper, bringt das Dumpfe der Volksszenen des ersten Akts eben­so her­vor wie die unfrei­willige Komik viel­er Momente des Libret­tos von Johann Friedrich Kind. Als Doku­ment ist diese Regie Frey­ers auf jeden Fall interessant.
Musikalisch bewegt sich der Live-Mitschnitt im gediege­nen Mit­telfeld. Stuttgarts dama­liger Gen­eral­musikdi­rek­tor Den­nis Rus­sel Davies und das durch seine Geschlossen­heit und hohen tech­nis­chen Stand überzeu­gende Orch­ester der Würt­tem­ber­gis­chen Staat­sop­er Stuttgart – der auch darstel­lerisch geforderte Chor des Haus­es bewegt sich auf ähn­lich beacht­enswertem Niveau – kön­nen nach etwas zöger­lichem Beginn (die Ouvertüre bleibt Stück­w­erk) im Laufe des Abends eine beacht­enswerte drama­tis­che Sog­wirkung entwick­eln. Cate­ri­na Ligendza gibt der Agathe dank ihres sich­er geführten jugendlich-drama­tis­chen Soprans, der mit ein­er beacht­enswert leicht­en Höhe aufwarten kann, deut­liche Kon­turen. Toni Krämer singt den Max zwar etwas eindi­men­sion­al, dabei aber pack­end und die held­is­che Seite seines Tenors ins beste Licht set­zend. Fritz Linkes Kuno bleibt etwas blass. Zwis­chen Dämonie und Komik schwankt Wolf­gang Prob­st als Kas­par. Wolf­gang Raub gestal­tet den Samiel mit Nach­druck. Roland Brachts Eremit kann auch dank sein­er Per­sön­lichkeit überzeu­gen. Wolf­gang Schönes Ottokar bleibt, auch regiebe­d­ingt, etwas sta­tisch. Aus dem weit­eren Ensem­ble ragt die tem­pera­mentvolle Raili Vil­jakainen (Ännchen) her­aus. Trotz dieser nicht nur musikalis­chen Plus­punk­te ist die DVD-Veröf­fentlichung nicht auf dem tech­nis­chen und Ausstat­tungsniveau, das man inzwis­chen bei der großen Konkur­renz von DVDs auf dem Markt erwarten dürfte.
Wal­ter Schneckenburger